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An die Mitglieder der
SPDund Cloppenburg/Vechta in den Wahlkreisen
Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburg |
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Berlin, 15. März 2011
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I. Zur Lage
Liebe Genossinnen und
Genossen,
am vergangenen
Freitag hat ein verheerendes Erdbeben Japan heimgesucht. Auch Tage danach kennen wir noch nicht die
gesamten Ausmaße dieser unbeschreiblichen Katastrophe. Zu befürchten ist, dass
Zehntausende von Vermissten den Tod gefunden haben. Das Beben und der
anschließende Tsunami haben eine nie dagewesene Schneise der Zerstörung und
Verwüstung in eine der am dichtesten besiedelten und am höchsten entwickelten
industrialisierten Regionen weltweit geschlagen. Dörfer, ganze Städte,
Infrastruktur und Industrie wurden fortgespült. Die Schäden scheinen
unermesslich. In diesem Moment braucht Japan Anteilnahme und Hilfe. Deutschland
sollte schnell, entschlossen und gut organisiert helfen. Die Mittel dafür haben
wir.
Auf die
Naturkatastrophe droht eine Atomkatastrophe zu folgen. Mit Entsetzen blicken
die Menschen auf die außer Kontrolle geratenen Atomkraftwerke von Fukushima.
Das Beben hat die Stromversorgung für den Kühlkreislauf unterbrochen. Die
Flutwelle hat den Dieselmotor der Notstromversorgung zerstört. Versagende
Kühlsysteme, Explosionen im Reaktor, Angst vor austretender Radioaktivität,
Einrichtung von Sperrzonen, Anwohner in Quarantänestationen und Evakuierung von
Menschen – es ist der wahr gewordene Alptraum eines atomaren Unfalls. Der
japanische Premierminister warnt vor Gesundheitsschäden durch Verstrahlung.
Auch in der Millionenmetropole Tokio wurde bereits erhöhte Radioaktivität
gemessen. Wir haben bis heute noch kein klares Bild darüber, ob eine
Kernschmelze in einem oder mehreren Reaktoren stattgefunden hat. Wir wissen
nicht, wie viele Menschen gefährdet sind. Noch immer ringen Einsatzkräfte und
Notfallstäbe darum, das Schlimmste zu verhüten.
Eines aber wissen wir:
Der Name Fukushima, der 11. März 2011, ist eine Zäsur. Die Frage nach der
Verantwortbarkeit der Kernenergie ist beantwortet.
Das Aus für die
Atomkraft ist unausweichlich. Dieser
Gewissheit kann niemand mehr aus dem Weg gehen. Eine unbeherrschbare, letztlich
unmenschliche Technologie kann keine Zukunft haben. Als vor 25 Jahren der
Reaktorunfall in Tschernobyl ganze Landstriche verseuchte und Europa in
Unsicherheit versetzte, sagten viele Kernkraftbefürworter noch, der GAU sei auf
technische Schlamperei und menschliches Versagen in einem rückständigen Land
zurückzuführen. Das könne uns in Deutschland nicht passieren. Fukushima aber
zeigt, auch in einem Land der Spitzentechnik und der Spitzeningenieure ist der
größte Unfall jederzeit möglich. Auch wir in Deutschland sind vor diesem Risiko
nicht gefeit. Es wäre Hybris, anderes zu glauben. Ein Flugzeugabsturz,
Sabotage, Terrorangriffe können auch deutsche Atomkraftwerke außer Kontrolle
geraten lassen.
Die Sozialdemokratie
hat daraus die politische Konsequenz des Atomausstiegs gezogen. Im Jahr 2000
haben wir gemeinsamen mit den Grünen den Ausstieg durchgesetzt. Wir haben es in
einem hart verhandelten, im Ergebnis aber vernünftigen Konsens mit der
Energiewirtschaft getan. Wir haben eine rechtsstaatliche Grundlage geschaffen.
Wir haben eine Übergangszeit vereinbart und Planungssicherheit ermöglicht. Wir
haben die Versorgung des Industriestandorts im Auge behalten. Vor allem haben
wir damals eine Brücke für das neue Energiezeitalter gebaut. Der Ausstieg aus
der Atomkraft war zugleich der Einstieg in Energieffizienz und Erneuerbare
Energie, die heute zum Markenzeichen deutscher Ingenieursleistungen geworden
sind. Ein neues, nachhaltiges Wirtschafts- und Wachstumsmodell für das 21.
Jahrhundert ist möglich geworden. Ein Jahrzehnt nach dieser historischen
Weichenstellung hat dann eine schwarz-gelbe Koalition unter Angela Merkel die
Brücke eingerissen und zum Rückmarsch in die Abhängigkeit von der Atomkraft
geblasen. Schwarz-Gelb hat mit der so genannten Laufzeitverlängerung von 2010
viel Vertrauen zerstört, Rechts- und Planungssicherheit untergraben und der
Entwicklung der Erneuerbaren Energien schwer geschadet.
Angela Merkel hat die
Klientelinteressen und Monopolgewinne der großen AKW-Betreiber vor die
Energiezukunft Deutschlands gestellt. Sie hat es mit einem verfassungswidrigen
Gesetz unter Umgehung der Bundesländer und des Bundesrates getan, weil
schwarz-gelbe Atompolitik keine politische Mehrheit mehr hat.
Als
der Deutsche Bundestag am 28. Oktober 2010 dieses Gesetz mit den Stimmen der
Abgeordneten von CDU/CSU und FDP beschloss, konnten die Redner der Koalition
den Mund gar nicht voll genug nehmen. CDU-Umweltminister Röttgen griff die SPD
wegen „Ihres Geschreis beim Thema Sicherheit“ an. Angelika Brunkhorst von der
FDP sagte, sie „verstehe die apokalyptischen Ausführungen zur Unsicherheit der
kerntechnischen Anlagen“ überhaupt nicht. Röttgen und andere Redner der Union
behaupteten, sie würden die Sicherheitsanforderungen der Anlagen verbessern.
Joachim Pfeiffer von der Union sagte: „Wir verbessern sogar die
Sicherheitspuffer“. Eine glatte Lüge, denn das von SPD-Umweltminister Sigmar
Gabriel 2009 vorgelegte neue „sicherheitstechnische Regelwerk“, das zum 1.
Januar 2011 gelten sollte, hat Röttgen 2010 außer Kraft gesetzt. Deshalb gelten
heute 30 alte Sicherheitsstandards, die nicht dem Stand der Technik
entsprechen.
Angela Merkel nannte
die Laufzeitverlängerung im Herbst das weltweit beste Konzept, eine
energiepolitische „Revolution“. Dieses Wort hat kaum ein paar Monate gehalten.
Gestern verkündete sie nun ein „Moratorium“. Der Begriff bedeutet Aufschub oder
Verzögerung. Merkel sagte, sie wolle das Gesetz zur Laufzeitverlängerung nicht
anwenden, sie wolle es „aussetzen“ – „für drei Monate“. Weder sie noch
Vizekanzler Westerwelle konnten gestern erklären, was das bedeutet. Wenn das
Gesetz nicht mehr gilt, tritt dann die vorherige Rechtslage des Atomausstiegs
wieder in Kraft? Was passiert mit den alten Meilern Biblis A und Neckerwestheim
I, die nach unserem Ausstiegsbeschluss bereits hätten abgeschaltet werden
müssen? Was passiert mit den Atomkraftwerken, die 2011 vom Netz gehen sollten?
Gestern gab es dazu keine Auskünfte, nur Gerüchte. Die Regierung schwimmt.
Die Bundesregierung
war auf eine Atomkatastrophe wie in Japan nicht gefasst. An der Sicherheitslage
der deutschen Kernanlagen hat sich nichts geändert, seit Merkel die
Laufzeitverlängerung feierte. Dennoch muss sie jetzt eine neue Kehrtwende
vollziehen. Das zeigt: Schwarz-Gelb steht vor den Scherben einer
verantwortungslosen Atompolitik. Merkel und Westerwelle agieren jetzt kopflos
und orientierungslos. Ein „Aufschub“ von „drei Monaten“ ist offenkundig der
Versuch, Zeit zu gewinnen und einer Misstrauenserklärung der Wähler bei den
Landtagswahlen am 20. und 27. März auszuweichen. Das System Merkel – Vertagen,
Vernebeln und Täuschen – schafft kein neues Vertrauen. Am Donnerstag dieser
Woche wird die Kanzlerin eine Regierungserklärung zu den Folgen der japanischen
Atomkatastrophe abgeben. Wir werden drei klare Forderungen zur Abstimmung
stellen:
1. Die Bundesregierung
muss unverzüglich ein Gesetz vorlegen, mit dem die Laufzeitverlängerung
aufgehoben und der Ausstiegsbeschluss wieder hergestellt wird. Wer sein eigenes
Gesetz nicht mehr anwenden will, muss ein neues Gesetz beschließen. Alles
andere ist eine Täuschung der Öffentlichkeit und ein Verstoß gegen die
Verfassung.
2. Die veralteten und
unsicheren Atomkraftwerke Biblis A, Biblis B, Brunsbüttel und Neckarwestheim I
sind abzuschalten. Die Anlagen Isar I, Krümmel, Philippsburg 1 und Unterweser
sind stillzulegen. Atomkraftwerke, die jetzt vom Netz gehen, dürfen nicht
wieder angefahren werden.
3. Das neue und strengere
kerntechnische Regelwerk des Jahres 2009 ist sofort in Kraft zu setzen. Der
neueste Stand von Wissenschaft und Technik muss zur rechtlichen Voraussetzung
werden, deutsche Atomkraftwerke zu betreiben. Bei den erforderlichen
Sicherheitsnachrüstungen darf es keine politischen Rabatte mehr geben.
Euer
Holger