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An die Mitglieder der SPDund
Cloppenburg/Vechta in den Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis
Oldenburg |
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Berlin, 22. Februar 2011 |
Politischer Bericht vom 22. Februar 2011
I. Zur Lage
Liebe Genossinnen und Genossen,
die SPD hat bei den Wahlen
in Hamburg die absolute Mehrheit gewonnen. Ein großartiger Erfolg, ein kraftvoller Auftakt in das Wahljahr 2011,
ein Vertrauensbeweis für Olaf Scholz, der Erster Bürgermeister der Freien und
Hansestadt Hamburg wird. Er steht dafür, dass die Sozialdemokratie in der
zweitgrößten deutschen Metropole an ihre besten Traditionen anknüpft und die
Spaltung der Stadt bekämpft, indem sie die Mitte der Gesellschaft stärkt. In
Hamburg hat die SPD bewiesen, dass sie Volkspartei sein kann. Sie hat, wieder
einmal, alle voreiligen Abgesänge auf die Idee der Volkspartei widerlegt. Die
vermeintliche Schwäche, unterschiedliche Gruppen, Schichten und Interessen zu
verbinden, ist die eigentliche Stärke: Nicht Klientelpartei zu sein, sondern
das Gerechtigkeitsbedürfnis ebenso wie die Fortschrittshoffnung einer breiten
Mehrheit der Menschen zu verkörpern. Als Volkspartei tritt die SPD den Beweis
an, nicht nur für den sozialen Ausgleich zu sorgen, sondern auch in Sachen
Wirtschaft und Arbeit der erste Ansprechpartner zu sein. Wirtschaftskompetenz
ist für uns Alltagskompetenz, denn es geht darum, das Leben der Menschen zu
verbessern.
Keine fruchtlosen Schaukämpfe,
sondern bessere Ergebnisse liefern – das war unsere Linie beim Kompromiss
zur Neugestaltung der Grundsicherung. Unsere Beharrlichkeit, unsere
Geschlossenheit und unsere klare Zielbestimmung haben sich gelohnt. Gewonnen
haben 1,2 Millionen Beschäftigte, vor allem die mehr als 900.000 Leiharbeiter,
die einen Mindestlohn bekommen. Gewonnen haben Millionen von Kindern aus bedürftigen
Familien, auch solche, die Kinderzuschlag oder Wohngeld bekommen, denn sie
können an Schulausflügen, Sport, Musik und Kultur teilnehmen und sie bekommen
in Kita, Schule und Hort ein kostenloses Mittagessen. Gewonnen haben die
Kommunen, bei denen die Hauptverantwortung der sozialen Teilhabe liegt, denn
sie bekommen alle tatsächlichen Kosten des Bildungspaketes erstattet. Und wir
entlasten sie ohne vergiftete Vorbedingungen, wie den Verlust der
Gewerbesteuer, von den Kosten der Grundsicherung im Alter, beginnend 2012 um
1,2 Milliarden Euro, aufwachsend bis 2014 zur vollen Jahressumme von 4
Milliarden Euro. Damit wird klar: Seit wir in rot-grüner Verantwortung mit der
Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe die Kosten zur Unterstützung
erwerbsfähiger Sozialhilfeempfänger zum Bund genommen haben, seit der
Stabilisierung der Gewerbesteuer, seit dem kommunalen Konjunkturprogramm der
Großen Koalition in der Wirtschaftskrise und mit diesem neuen Schritt zur
Verbesserung der kommunalen Finanzsituation läuft das größte und umfassendste
Entlastungsprogramm für die Kommunen in der Geschichte der Bundesrepublik. Die
SPD steht zu ihrem Wort, die Kommunen stark zu machen für die großen Aufgaben
einer vorsorgenden Sozialpolitik.
Gewonnen haben schließlich auch
die Arbeitslosen, für die das Arbeitslosengeld II steigt, rückwirkend zum 1.
Januar um fünf Euro und auf unser Drängen in einer Sonderanpassung noch einmal
um drei Euro zum 1. Januar 2012. Damit werden zumindest die gestiegenen
Lebenshaltungskosten auf dem Stand des ersten Halbjahres 2010 berücksichtigt.
Wir haben auch erreicht, dass Arbeitslosen, die als Trainer im Sportverein, als
Übungsleiter und sonst ehrenamtlich tätig sind, eine Aufwandsentschädigung bis
zu 175 Euro nicht mehr vom Regelsatz abgezogen wird. Mehr noch: Wir konnten
einen haarsträubenden Fehler Ursula von der Leyens verhindern, die schlicht
vergessen hatte, die Warmwasserkosten bei der Neufassung der Regelsätze zu
berücksichtigen. Schließlich konnten wir die Bundesregierung darauf verpflichten
zu prüfen, Menschen mit Behinderungen, die älter als 25 Jahre sind und mit
anderen gemeinsam einen Haushalt führen, den vollen Regelsatz zu zahlen.
Das alles war ein zähes Ringen.
Die SPD hat von Anfang an ihre Verhandlungsbereitschaft und ihre
Kompromissfähigkeit deutlich gemacht. Wir haben immer wieder trotz verfahrener
Situationen und widersprüchlicher Positionen der schwarz-gelben Koalition
konstruktive Alternativvorschläge eingebracht. Wir haben, als Schwarz-Gelb die
Verhandlungen vorsätzlich abbrach, mit Kurt Beck eine neue Initiative
gestartet. Ein Leben führen zu müssen, in dem man auf Hartz-IV-Zahlungen
angewiesen ist, belastet die Menschen. Umso wichtiger ist es, dass hier keine
Willkür herrscht und dass die Leistungen ausreichen, um würdig zu leben und die
echte Chance gesellschaftlicher Teilhabe zu haben. Es geht ganz einfach um
Fairness. Beim Regelsatz sind unsere verfassungsrechtlichen Zweifel nicht
ausgeräumt, dass es an Fairness und Transparenz fehlt. Die Bundesregierung hat
auf ihrer Rechtsauffassung beharrt und sie ist es, die dafür grade stehen muss,
wenn es zu neuen Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht kommt.
Bei der Frage „gleicher Lohn
für gleiche Arbeit“ gibt es keinen faulen Kompromiss. Wir haben in den Verhandlungen glasklar gesehen: Die
schwarz-gelbe Koalition will keine Fairness für Zeit- und Leiharbeiter. Sie
will stattdessen eine Arbeitnehmerschaft zweiter Klasse, schlechter bezahlt,
mit weniger Rechten, mit höherem Risiko, trotz Arbeit in Armut zu bleiben und
auf staatliche Sozialhilfe angewiesen zu sein. Schwarz-Gelb will das sehr
systematisch und überlegt, denn es geht um ein Instrument, Tariflöhne zu
unterminieren. Es geht darum, alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter
Druck zu setzen und gefügig zu machen. Stammbelegschaften und normal
Beschäftigte sollen gegen Leiharbeiter ausgespielt werden. Das aber sät
Misstrauen und Wut und setzt den betrieblichen Frieden aufs Spiel. Die SPD
reicht dazu nicht die Hand. Wir kämpfen jetzt mit aller gebotenen Klarheit gegen
Lohndumping in der Leiharbeit und wir kämpfen mit den Gewerkschaften für den
Grundsatz der Gerechtigkeit, dass gleiche Arbeit auch gleich entlohnt wird. In
den Verhandlungen mit Union und FDP haben wir erlebt, wie die Bundesregierung
mit gezinkten Karten spielt. „Equal Pay“ für Leiharbeiter nach neun Monaten im
Betrieb, lautete das Angebot, und das im vollen Wissen, dass kaum eine
Leiharbeitskraft dann noch da ist, die davon etwas haben könnte. 56 Prozent
geht sogar schon nach drei Monaten aus dem Entleihbetrieb. So verhöhnt man die
Betroffenen. Wer mit Betrug Politik macht, verliert das Vertrauen.
Ein Betrugsfall ohnegleichen
wird diese Woche das Parlament beschäftigen: Minister zu Guttenberg hat das
geistige Eigentum anderer geklaut, um an einen Doktortitel zu kommen. Guttenberg
muss wissen: Hier ruht die ganze Verantwortung auf ihm selbst.
Jürgen Kaube schreibt dazu
heute in der Frankfurt Allgemeinen Zeitung:
„Auf siebzig Prozent aller
Seiten der Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg finden sich Plagiate.
(...) Selbst in Abschnitten mit reiner Sachinformation fand der Autor dafür
keine eigenen Worte, sondern lieh sich die Formulierungen aus Seminarreferaten
unter hausarbeiten.de aus, um sie als die seinen auszugeben. So etwas ist kein
‚Fehler‘. (...)
Wer die toten Soldaten in
Afghanistan oder die Bundeswehrreform aufbietet, um den Verdacht einer
Täuschung mit anschließender Lüge als Petitesse dazustellen, sollte sich mit
Vorwürfen, das Plagiat werde politisch instrumentalisiert, zurückhalten. Der
Bundestagsabgeordnete Lauterbach (SPD) hat es richtig gesagt: Man kann das
Prüfen an den Universitäten einstellen, wenn das Argument, es gebe Wichtigeres,
Schule macht. Ein solches Argument ist dazu geeignet, dem Rechtsstaat in die
Kniekehlen zu treten. (…)
Ob ein Verteidigungsminister
promoviert ist, tut in der Tat nichts zur Sache. Kanzlerin Merkels Spruch aber,
sie habe keinen wissenschaftlichen Assistenten ins Kabinett berufen, ist
wohlfeil und herablassend gegen Leute, die es mit der Wahrheit und der Leistung
ernster nehmen. Denn nicht die juristische Qualität der Arbeit, sondern die
Ehrlichkeit ihres Verfassers steht in Frage. Jemanden, der sich einen
Karriereabschnitt zusammenfingiert hat und wissenschaftlich posieren wollte,
ohne etwas Eigenes anbieten zu können, hat Frau Merkel jedenfalls zum
Verteidigungsminister dazubekommen.“
Euer
Holger Ortel