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An die Mitglieder der SPD in den
Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburgund Cloppenburg/Vechta
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Berlin, 8. Februar 2011 |
Politischer Bericht vom 8. Februar 2011
I.
Zur Lage
Liebe Genossinnen und Genossen,
der Ruf nach Freiheit und
Demokratie hat die gesamte arabische Welt erreicht. Nach Tunesien fordern die Demonstranten auch in
Ägypten den Aufbruch. Wir Sozialdemokraten freuen uns, dass mutige Menschen auf
die Straße gehen, um Freiheit einzufordern. Ihr Wunsch nach Meinungs- und Medienfreiheit,
ihr Wille, Willkür, Korruption und soziale Perspektivlosigkeit nicht mehr
länger hinzunehmen, vor allem auch ihre Forderung nach freien Wahlen verdienen
unseren Respekt und unsere Unterstützung. Mubarak ist Geschichte. Er wird
beiseite treten. Die alles entscheidende Frage ist jetzt, wie der Übergang zu
einer demokratischen Ordnung gelingen kann, in der Freiheit und Menschenrechte
geachtet werden. Wir haben die Hoffnung, dass diejenigen, die den Protest
begonnen haben, auch diejenigen sein werden, die ihr Land in eine bessere
Zukunft führen. Wo die Demokraten noch schwach organisiert sind, gilt es,
demokratische Netzwerke zu stärken. Das hat die Sozialdemokratie immer getan.
Dabei kann Europa – ohne sich aufzudrängen – Hilfe anbieten. Die aufgeklärten
Teile der alten Elite können, wenn sie veränderungsbereit sind, in den Übergang
eingebunden sein.
Die Armee, die durch
Besonnenheit das Vertrauen der Demonstranten erworben hat, kann dabei eine
stabilisierende Rolle übernehmen. Wird hingegen der Konflikt mit Gewalt
ausgekämpft, muss es viele weitere Opfer geben. Die Alternative ist der Aufbau
einer Übergangsregierung der nationalen Einheit, die den Weg zu freien Wahlen
und zu einer Verfassungsreform ebnet. Tunesien ist ein vergleichsweise kleines Land,
Ägypten aber spielt mit seinem politischen Gewicht eine große Rolle für den
Frieden in der Region. Es gilt also, mit Sorgfalt und Sensibilität die weitere
Entwicklung zu begleiten. Ägypten und Jordanien sind die einzigen arabischen
Staaten, die einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen haben. Wir sollten
den europäischen Einfluss geltend machen, damit dieser Friede im Wandel Bestand
hat und an gesellschaftlicher Verankerung gewinnt. Auch Israel trägt
Verantwortung dafür, dass in den vergangenen Jahren viele Chancen versäumt
wurden und ein palästinensischer Staat nicht zustande kam. Es ist jetzt an der
Zeit, alle Spielräume zu nutzen, um das Versäumte auf den Weg zu bringen.
Man muss erstaunt sein, wie
lange die EU gebraucht hat, eine gemeinsame Sprache zur Lage in Ägypten zu
finden. Auch die Bundesregierung hat nur schleppend und halbherzig reagiert.
Auf unsere Initiative wird sich deshalb der Deutsche Bundestag diese Woche in
einer Aussprache mit dem Aufbruch in Ägypten befassen.
Aus aktuellem Anlass werden wir
zudem die Gleichstellung von Frauen im Parlament zur Sprache bringen.
Sie ist ein Prüfstein jeder modernen Gesellschaft. Doch der tatsächliche
Fortschritt bei der Gleichstellung von Frauen in der Wirtschaft und im
Arbeitsleben ist kein Ruhmesblatt für unser Land. Zehn Jahre nach der
freiwilligen Verpflichtung der Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft, die
Chancengleichheit der Frauen durchzusetzen, gibt es noch immer nur vier Frauen
in allen Vorständen der 30 im Deutschen Aktienindex notierten Unternehmen. Bei
den Aufsichtsräten sieht das Bild nur wenig besser aus, dort beträgt der Anteil
der Frauen 13,6 Prozent, und das auch nur, weil die Arbeitnehmerseite häufiger
weibliche Führungskräfte entsendet. Deshalb haben wir in unserem Wahlprogramm
und im Deutschlandplan 2009 eine Frauenquote von mindestens 40 Prozent in den
Aufsichtsräten gefordert. Das Scheitern der Selbstverpflichtung spricht sich
herum. Nicht nur Heinrich Alt von der Bundesagentur für Arbeit sagt: Ohne
gesetzliche Schritte geht es nicht.
Auch zahlreiche Managerinnen
machen Druck, dass sich jetzt endlich etwas bewegt. Selbst die Frauen in der
Unionsfraktion sind mit der Blockadehaltung der schwarz-gelben Koalition nicht
einverstanden. Und die Frauen in der FDP beschweren sich, dass ausgerechnet
ihre Partei der letzte Dinosaurier ist, der von Gleichstellung nichts wissen
will. Nachdem nun Arbeitsministerin von der Leyen mit großem Tamtam in den
Medien die gesetzliche Frauenquote für Vorstände und Aufsichtsräte angekündigt
hat, ist die Verwirrung in der Regierung komplett. Von der Leyen, schwer unter
Druck bei den Hartz-IV-Verhandlungen, will auch ablenken und inszeniert sich
mit der gesetzlichen Quote vor allem selbst, Merkel ist dagegen,
Familienministerin Schröder will ein bisschen Quote, aber damit keinem weh tun.
Dieses Theater ist beschämend. Wir fordern eine gesetzliche Quote für Männer
und Frauen von mindestens 40 Prozent für Aufsichtsratsmandate. Wir streben die
Einführung einer Quote auch für Vorstände an. Wir wollen nicht zuletzt die
Frage der Entgeltgleichheit bei gleicher Arbeit von Männern und Frauen
aufnehmen.
Die Zeit ist reif. Wer immer
nur neue „Pakte“, immer nur noch eine neue „Charta“ und weitere folgenlose
„Vereinbarungen“ für Gleichstellung verkündet, will vertrösten. Am 8. März ist
der 100. Internationale Frauentag. Das ist eine gute Gelegenheit, Farbe zu
bekennen und zu handeln.
Schwarz-gelbe Verwirrung
verhindert auch den Kompromiss bei Hartz IV.
Das ist nach der letzten
Verhandlungsrunde in der Nacht von Sonntag auf Montag klar geworden. Die SPD
will ein Bildungspaket, das unbürokratisch und zuverlässig bei den Kindern
erwerbsloser Eltern ankommt und für das die Kommunen eine volle
Kostenerstattung bekommen. Wir wollen eine Grundsicherung, die dem Verfassungsgebot
der sozialen Teilhabe gerecht wird und an der nicht willkürlich so lange
herumgerechnet wird, bis sie den Koalitionsfrieden wahrt. Wir wollen, dass das
Lohnabstandsgebot gilt, dass Arbeit sich lohnt, dass also insbesondere in der
Zeit- und Leiharbeit ein Mindestlohn sowie gleicher Lohn für gleiche Arbeit
gesichert sind. Wenn von der Leyen wirklich etwas für Frauen tun will, sollte
sie die Prekarisierung von Arbeit verhindern. Denn es sind Frauen, die zu einem
sehr großen Teil von Niedriglohn und Armutslohn betroffen sind. Die
Verhältnisse, die in der Leiharbeit eingerissen sind, können wir nicht länger
tolerieren. Systematisch werden Tarifverträge ausgehöhlt, ganz gezielt werden
Belegschaften gespalten und sehr bewusst werden Normalarbeitsplätze zerstört.
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist keine Maximalforderung, sie ist
schlichtweg das Mindeste, das die Gerechtigkeit erfordert. Wir werden deshalb
an dieser Stelle mit aller gebotenen Härte verhandeln und keine zynische
Scheinlösung hinnehmen, die Equal Pay erst nach 9 Monaten gewähren will.
Schwarz-Gelb ist heillos
zerstritten, wo es um die Regelsätze des Arbeitslosengeldes II und die Ordnung
der Leiharbeit geht. Die Regierung ist nicht entscheidungsfähig. Das ist der
Grund, warum sich die Verhandlungen über eine verfassungsfeste Neugestaltung
der Grundsicherung so zäh gestalten und die Geduld der betroffenen Menschen
derart strapazieren. Jetzt scheint endlich auch Angela Merkel aufgewacht zu
sein. Sie erklärt, Hartz IV zur Chefsache machen zu wollen. Das haben wir von
ihr schon im vergangenen Jahr gefordert, um keine Zeit verstreichen zu lassen.
Merkel hat sich taub gestellt. Nun ist sie doppelt gefordert, die Blockade der
Koalition zu beenden. Unser Ziel ist, in dieser Woche eine tragfähige Lösung zu
finden, die den Menschen gerecht wird.
Das System Merkel –
Verzögerung, Verschleppung und Vernebelung – sehen wir auch bei der notwendigen
Stabilisierung des Euro weiter am Werk. Vergangene Woche hat Merkel mit
ihrem so genannten „Pakt für Wettbewerbsfähigkeit“ nicht nur innenpolitisch
Schiffbruch erlitten: In der Koalition gibt keine gemeinsame Richtung, die FDP
lehnt eine Wirtschaftsregierung für die Euro-Zone ab, die CDU bleibt so
orientierungslos 5
wie
ein europapolitisches Geisterschiff. Auch auf dem europäischen Gipfeltreffen am
4. Februar wurde Merkel eisig empfangen. Merkels Pakt, der wiederum im
Alleingang geschrieben und präsentiert wurde, weckt erneut großen Unmut. Die
Bundeskanzlerin entfremdet die Partner und schafft es einfach nicht, das
Vertrauen für eine bessere wirtschafts- und finanzpolitische Koordinierung
aufzubauen.
Was sie als große Lösung
anpreist, ist denn auch bloß die halbe Wahrheit. Schon wieder verschweigt
Merkel dem heimischen Publikum aus Angst vor Landtagswahlen, welche konkreten
Zusagen Deutschland für eine Ausweitung des Rettungsschirms und für eine
Reduzierung der Schuldenlast der schwächeren Euro-Länder machen muss. Die
Geschichte vom Frühjahr 2010 droht sich damit als Farce zu wiederholen: Nach
monatelanger Leugnung durch die Bundesregierung kam es erst kurz vor den Wahlen
in Nordrhein-Westfalen zum Schwur bei der Griechenland-Hilfe. Auch jetzt soll
der Euro-Rettungsgipfel am 25. März, also zwei Tage vor den Landtagswahlen in
Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz entscheiden. Wir fordern Merkel auf, der
deutschen Öffentlichkeit und dem Deutschen Bundestag unverzüglich, umfassend
und rückhaltlos zu sagen, was kommt.
Ohne Hilfszusagen Deutschlands
und anderer starker EU-Partner macht der jetzt diskutierte Pakt weder ökonomisch
Sinn, noch lässt er sich politisch verwirklichen. Ohne spürbare Entlastung von
ihrer gewaltigen Schuldenlast sind die unter Druck stehenden Euro-Länder nicht
in der Lage, Steuerausfälle wegen sinkenden Einkommen und zurückgehender
Kaufkraft zu verdauen und zugleich – wie in Merkels Pakt gefordert –
eine Schuldenbremse zu installieren und Mindestinvestitionen in Bildung und
Infrastruktur zu realisieren. Und es gibt weitere blinde Flecken. Kein Wort
findet Merkel zur Regulierung der Finanzmärkte, um künftige Schäden abzuwenden,
kein Wort zur Beteiligung des Finanzsektors an den Kosten der von ihm
verursachten Erschütterungen, kein Wort zur Finanztransaktionssteuer.
Stattdessen wird mit nahezu unverschämter Ungerechtigkeit den Lohnempfängern
und Rentnern die Krisenrechnung präsentiert. Mit einem solchen halbgaren und
einseitigen Vorstoß entsteht kein Vertrauen, weder bei den europäischen
Partnern noch bei den Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland. Wir fordern von
der schwarz-gelbe Koalition in den kommenden Wochen Klarheit und Wahrheit in
der Europapolitik. Deutschland trägt in diesem historischen Moment der
europäischen Einigung nicht zuletzt deshalb große Verantwortung, weil es in den
vergangenen zehn Jahren unübersehbar an wirtschaftlicher Stärke gewonnen hat –
durch eigene Anstrengungen an erster Stelle, unterstützt aber auch durch die
Einbettung in den europäischen Wirtschaftsraum und in die gemeinsame Währung.
Wir brauchen keine Chaoskoalition, deren höchstes Ziel sich darauf beschränkt,
nicht auseinanderzubrechen, wo es um die Zukunft Europas geht. Wir brauchen
endlich eine deutsche Regierung, die ihrer Verantwortung gerecht wird.
Euer
Holger Ortel