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An die Mitglieder
der SPD in den Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Oldenburg Land und
Cloppenburg/Vechta |
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Berlin,
10. Mai 2011 |
I. Zur Lage
Liebe
Genossinnen und Genossen,
die
FDP ist in ihrer momentanen Verfassung nicht regierungsfähig. Der Wechsel an der
Parteispitze, der nach den schlechten schwarz-gelben Wahlergebnissen in
Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz für Beruhigung sorgen sollte, heizt das
innere Chaos nur noch weiter an. Philipp Rösler verliert schon als designierter
neuer Parteivorsitzender den Vertrauensvorschuss, weil er keine neue
Orientierung zu bieten hat und kaum mehr als ein neues Gesicht für die alte
Misere ist. Der Machtkampf um die Fraktionsspitze zeigt in dieser Woche noch
einmal den Verfall der FDP. Das eigentlich Gravierende an diesem Schauspiel
aber ist die fortgesetzte Destabilisierung der Bundesregierung. Sollte es beim
Postengeschacher zu dem kommen, was Medien melden, und die gescheiterte
Fraktionsvorsitzende Homburger mit einem Staatsministeramt im ohnehin geschwächten
Außenministerium versorgt werden, dann greift die Parteikrise auf den Staat
über und schädigt die deutschen Interessen. Die FDP ist außenpolitisch weder
führungs- noch verantwortungsfähig. Das zeigt ein Blick auf die Anträge für den
FDP-Bundesparteitag am kommenden Wochenende. Dort fordert der
Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler, dass es keinen ständigen
Euro-Rettungsschirm geben soll und dass verschuldete Länder wie Griechenland
aus der Währungsunion austreten sollen. Der Landesverband Hessen attackiert die
eigene Bundesregierung, „sie habe eine Wirtschaftsregierung und eine
Transferunion geschaffen und so gegen fundamentale liberale Überzeugungen
verstoßen.“
Die
Bundesregierung wird aufgefordert, die „Einführung einer europäischen
Finanztransaktionssteuer kategorisch abzulehnen“, obwohl diese für die
Haushaltskonsolidierung längst vorgesehen ist. Sollte sich die FDP in schierer
Existenzangst weiter radikalisieren zu einer antieuropäischen und
nationalpopulistischen Protestpartei, die anderen rechtspopulistischen
Bewegungen in Europa nacheifert, kann und darf sie deutsche Europapolitik nicht
mehr bestimmen.
Die
schwarz-gelbe Koalition fürchtet Europa, weil sie den Verlust ihrer
Regierungsmehrheit im Bundestag bei zentralen Weichenstellungen vor Augen hat.
Auch viele Unionsabgeordnete haben ihren Widerstand angekündigt. Der Versuch,
ein Treffen der Euro-Finanzminister, die vergangene Woche über Griechenland
sprachen, geheim zu halten, ist ein weiteres schlechtes Vorzeichen. Seit mehr
als einem Jahr ist die europäische Politik der Regierung Merkel von Täuschung,
Vernebelung und Umgehung des Parlaments gekennzeichnet. Nirgendwo versagt das
System Merkel so dramatisch wie in der Euro-Krise. Die Griechenland-Rettung
gilt als gescheitert. Auch Portugal und Irland finden keinen Weg aus der
Schuldenspirale. Wir haben von Anfang an gewarnt, dass der Wortbruch und die
Heimlichtuerei Merkels kein neues Vertrauen schaffen kann. Wir haben
kritisiert, dass es nicht reicht, den Steuerzahler als Generalbürgen für die
Folgelasten der Finanzkrise haften zu lassen, ohne die Finanzakteure
substanziell zu beteiligen. Die Einführung einer Finanztransaktionssteuer, die
nichts anderes als eine Umsatzsteuer auf Finanzgeschäfte ist, bleibt auf der
Tagesordnung. Wir brauchen außerdem eine ausgewogene Gläubigerbeteiligung,
damit Länder wie Griechenland wirtschaftlich nicht durch die Zinsschraube
stranguliert werden. Letzten Endes kann es nur eine nachhaltige Lösung der
Krise geben, wenn nicht nur Deutschland, sondern auch wachstumsschwächere
Euro-Länder neue Impulse wirtschaftlicher Entwicklung setzen können. Das ist
eine Aufgabe, die diese Länder selbst angehen müssen, aber Europa darf sie
dabei nicht allein lassen. In dieser Schicksalsstunde der europäischen Einheit
fällt Deutschland durch den Wankelmut seiner konservativen Regierung als
Vorreiter aus. Dasselbe gilt leider auch für andere große europäische Länder.
Die
Konservativen sind infiziert vom antieuropäischen Populismus. Sie sind nicht in
der Lage, die Krise Europas zu überwinden. Die historische Verantwortung der
Sozialdemokratie ist es jetzt, das große Friedensprojekt der europäischen
Einheit zu sichern. In aller Welt weckt Europa Hoffnungen auf eine andere Art
der Globalisierung, die durch sozialen Ausgleich und nachhaltige Entwicklung
geprägt ist. Für diese Sache müssen wir mutig und engagiert eintreten.
Die
Bundesregierung ist aus eigener Kraft nicht mehr handlungsfähig. Das sehen wir
bei Atomausstieg und Energiewende. Merkel sucht jetzt die Nähe der
Opposition, um sich abzusichern. Auch dabei versucht sie noch die
Öffentlichkeit an der Nase herumzuführen. Tatsache ist, dass Schwarz-Gelb
energiepolitisch auf allen Feldern fundamental gescheitert ist und eine
Totalrevision dessen vollzieht, wofür CDU/CSU und FDP noch 2009 in den
Wahlkampf gezogen sind: Nicht nur das Festhalten an der Atomkraft, auch die
blinde Polemik gegen die von Rot-Grün eingeführten Anreize zum Ausbau der
Erneuerbaren Energien ist obsolet. Atomausstieg und Energiewende wurden von SPD
und Grünen vorgedacht, von einer SPD-geführten Bundesregierung gegen geradezu
aggressiven Widerstand der Merkel-CDU durchgesetzt und dann in der Großen
Koalition von der SPD abgesichert. Deutschland hatte einen Konsens für
Atomausstieg, Erneuerbare Energien und Effizienztechnologie, und er stand im
Gesetz, bevor Merkel ihn mit der Laufzeitverlängerung im Herbst letzten Jahres
aufkündigte, bevor sie neue Rechtsunsicherheit heraufbeschwor, den Markt
verriegelte und Milliardeninvestitionen der Stadtwerke in dezentrale Energieversorgung
mit neuen Effizienztechnologien gefährdete. Ihre eigene Fehlentscheidung muss
sie jetzt rückabwickeln. Dafür braucht es keine „Ethikkommissionen“ außerhalb
des Parlaments, denn die ethische Frage atomarer Risiken ist spätestens in
Tschernobyl vor 25 Jahren beantwortet worden. Das ist ein Manöver, das von
eigenem Versagen ablenken soll. Was wir brauchen, ist ein Ende des
rechtswidrigen Zustandes, in dem ein „Moratorium“ den Vollzug eines falschen
Gesetzes aufheben soll. Wir brauchen im Kern ein neues Atomgesetz, das die
Laufzeitverlängerung zurücknimmt, den Ausstiegskonsens wieder herstellt und an
die neuen Gegebenheiten anpasst. Hinzu kommen die Fragen des beschleunigten
Netzausbaus, des Planungsrechts und der erforderlichen Investitionen für die
Energiewende. Deshalb hat Merkel am Montag dieser Woche das Gespräch mit der
Opposition gesucht. Es ging um den Zeitplan, wie dies in den kommenden Wochen
zu bewerkstelligen ist, ohne die Rechte des Parlaments auf seriöse Beratung zu
beschneiden. Wir werden uns dem Verfahren nicht entgegenstellen, doch letztlich
zählen die Inhalte. Deutschland braucht Rechtsklarheit in der fundamentalen
Frage einer sicheren und zukunftsfähigen Energieversorgung. Wir wollen das
rasche Ende der Atomkraft. Aber wir werden darauf achten, dass der
Industriestandort Deutschland wettbewerbsfähig bleibt. Das Energiekonzept der
SPD-Bundestagsfraktion bündelt die Antworten auf diese Fragen.
Für
das Versagen des Systems Merkel ließen sich andere Fälle zuhauf anführen.
Die Haushalts-
und Finanzpolitik von Schwarz-Gelb ein Luftschloss zu nennen, ist zu
harmlos. Denn auch dies ist ein politischer Betrugsversuch erster Ordnung, ein
Verrat an den bürgerlichen Tugenden der Wahrheit, Klarheit und Planbarkeit der
staatlichen Einnahmen und Ausgaben. Wir haben es mehr als einmal kritisiert,
aber wir müssen diese Kritik noch verschärfen, wir müssen sie systematisieren
und den Betrug offenlegen: Wo werden die veranschlagten Milliarden-Einnahmen
aus der Brennelementesteuer und für den Fonds für die Erneuerbaren ersetzt? Wo
sind die Milliarden-Einnahmen aus einer Finanztransaktionssteuer? Wo sind die
Einnahmen aus der Bankenabgabe? Sie werden noch niedriger sein, als
versprochen. Wo sind die Milliarden-Einsparungen bei der Bundeswehr? Sie sind
Makulatur, denn aus Einsparungen sind Milliarden von Mehrausgaben für eine von
Guttenberg überstürzte und vor die Wand gefahrene Reform geworden. Diese Liste
lässt sich fortsetzen, und wir werden es in der Auseinandersetzung mit der
Haushaltsaufstellung der Regierung tun.
Es
gibt ein grundsätzliches Versagen der Regierung Merkel, das in den Medien nicht
immer klar genug gesehen wird: Das ist der Verlust von Vernunft und
Verantwortungsbewusstsein. Ein erschreckender Niveauverlust in der Kenntnis
unserer wirtschaftlichen Struktur und der Grundlagen unseres Wohlstands. Statt
Realismus zu zeigen und Standfestigkeit, lässt die Bundesregierung sich von
Stimmungen treiben. Ich sehe darin eine große Gefahr. Es ist wahr, dass
Deutschland stärker als andere Länder aus der Krise gekommen ist. Doch so wie
die wirtschaftliche Prosperität von heute auf die gute Politik von gestern
folgt, so gilt auch:
Das
politische Versagen von heute ist die wirtschaftliche Misere von morgen. – Das ist unsere zentrale
Kritik an der Bundesregierung: Sie ruiniert in einem atemberaubenden Tempo das
Erreichte. Sie konsumiert und verspielt die Spielräume, ohne für die kommenden
Jahre zu sorgen. Ob Europa, ob Energie, Industrie, Finanzen, Arbeit oder
Integration – Schwarz-Gelb hat Deutschland in politischen Treibsand geführt.
Überall ist Orientierungslosigkeit, Mutlosigkeit, Stillstand, Chaos und
Spaltung. Deshalb können sich viele Menschen am wirtschaftlichen Erfolg nicht
freuen. Sie blicken nach vorn. Und was sie da auf sich zukommen sehen, macht
missmutig. Zukunft ist einfach kein Begriff, der mit dieser Regierung in
Verbindung gebracht wird.
Die
SPD muss den Wechsel vorbereiten, damit die Hoffnung zurückkehrt. Nach
Nordrhein-Westfalen und Hamburg haben wir nun auch in Baden-Württemberg damit
begonnen.
Euer
gez. Dr. Frank-Walter Steinmeier
II.
Zur Woche
Faire
Mobilität und soziale Sicherung bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit
Ab
dem 1. Mai 2011 können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus den der EU 2004
beigetretenen Ländern in allen EU-Mitgliedsstaaten leben und arbeiten. Um
Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt und vor allem Lohn- und Sozialdumping zu
verhindern, benötigen wir klare Lohn- und Arbeitsbedingungen. Allen
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Deutschland muss Sicherheit und Schutz
geboten werden. In unserem Antrag fordern wir die Regierung auf, eine
Ausweitung der prekären Beschäftigung und des Niedriglohnsektors zu verhindern.
Die Maxime „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort“ muss gelten, ein
flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn als Lohnuntergrenze muss eingeführt
werden. Alle Branchen müssen in das Arbeitnehmerentsendegesetz aufgenommen
werden. Scheinselbstständigkeit ist zu verhindern. Die Zulässigkeit
ökologischer und sozialer Kriterien bei der Vergabe öffentlicher Aufträge soll
in den Vergaberegelungen von EU, Bund und Ländern konkretisiert und erweitert
werden. Eine Lohnuntergrenze und Tariftreue müssen Voraussetzungen für die
Vergabe öffentlicher Aufträge sein. Die wirksame Kontrolle von Schwarzarbeit
sowie eine Generalunternehmerhaftung für den Einsatz von entsandten
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sind sicherzustellen. Registrierungen von
Entsendungen bei der Sozialversicherung müssen zur Pflicht werden. Auch eine
statistische Erfassung von Entsendetatbeständen ist einzuführen. Der
Betriebsrat soll ein Mitbestimmungsrecht über Einsatz, Entlohnung und
Arbeitsbedingungen von entsandten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern erhalten.
Deutschland braucht mehrsprachige Beratungsstellen für entsandte Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer. Auf europäischer Ebene fordern wir die Aufnahme einer
Sozialen Fortschrittsklausel ins Primärrecht sowie eine soziale
Querschnittsklausel.
Einen
neuen Krippengipfel einberufen
Der
von der Regierung am 4. April 2011 durchgeführte „Bundesweite
Erfahrungsaustausch - Gute kommunale Praxis für den Ausbau und die Qualität der
Kinderbetreuung in Deutschland“ hat gezeigt, dass weitere Anstrengungen für den
Ausbau der frühkindlichen Bildung und Betreuung insbesondere für Kinder unter
drei Jahren notwendig sind. Der Bedarf an Betreuungsplätzen wird von der
Regierung unterschätzt und das Ziel einer bundesdurchschnittlichen
Betreuungsquote von 35 Prozent bis 2013 ist nicht ausreichend. Gleichzeitig
verhindert die kommunale Haushaltslage den beschleunigten Ausbau von Plätzen.
Es besteht weiterhin Bedarf an Erzieherinnen und Erziehern, Bauflächen,
Gebäuden und Räumen. Vor diesem Hintergrund fordern wir die Regierung in
unserem Antrag auf, den Bedarf an frühkindlichen Bildungs- und Betreuungsangeboten
unabhängig zu erheben. Die Vorstudie für die 2011 anstehende Zwischenevaluation
des Investitionsprogramms „Kinderbetreuungsfinanzierung 2008-2013“ soll dem
Bundestag zeitnah vorgelegt werden. Schließlich fordern wir die Einberufung
eines neuen Krippengipfels, auf dem mit Vertreterinnen und Vertretern der
Länder, der Kommunalen Spitzenverbände sowie der Träger weitere Schritte für
den qualitativen und quantitativen Ausbau der frühkindlichen Bildung und
Betreuung für Kinder unter drei Jahren verabredet werden sollen.
Engagementpolitik
mit der Bürgergesellschaft weiterentwickeln
Bürgerschaftliches
Engagement hat einen hohen gesellschaftlichen und politischen Stellenwert. Es
befördert Mitbestimmung und Mitverantwortung sowie gesellschaftliche Teilhabe
und Integration. Das Bundeskabinett hat am 6. Oktober 2010 eine nationale
Engagementstrategie beschlossen. Doch obwohl die Regierung zur Vorbereitung ein
Nationales Forum gegründet und es mit der Formulierung einer
engagementpolitischen Agenda beauftragt hat, sind die Ergebnisse nicht in die
Strategie eingegangen. Wir fordern, dass die Weiterentwicklung der
Engagementpolitik im Austausch mit Parlament und Bürgergesellschaft erfolgt. In
unserer Großen Anfrage fragen wir nach Leitbild und Strukturen der nationalen
Engagementstrategie sowie dem Ausbau der Infrastrukturen und Rahmenbedingungen
für bürgerschaftliches Engagement. Bei den Freiwilligendiensten fragen wir nach
einem Zeitplan, Regelungen sowie der finanziellen Absicherung für das
Freiwilligendienstestatusgesetz. Um Partizipation und Teilhabe am
gesellschaftlichen Leben zu fördern, fordern wir konkrete ©
Maßnahmen
für Menschen mit geringem Einkommen und mit einfachen Bildungs- und
Berufsabschlüssen oder mit Migrationshintergrund. Auch die Partizipation in politischen
Prozessen muss aus unserer Sicht ausgebaut werden. Wir wollen eine engere
Verzahnung zwischen bürgerschaftlichem Engagement und Bildung, die Behandlung
von zuwendungs- und gemeinnützigkeitsrechtlichen Fragen, sowie eine Bewertung
des Zusammenhangs von Erwerbsarbeit bzw. Arbeitsmarktpolitik und
bürgerschaftlichem Engagement. Zudem erwarten wir, dass die Regierung bei der
Engagementpolitik die europäische Dimension stärker einbezieht und die
Engagementforschung weiter ausbaut.
Den
Straßenverkehr sicherer machen
Mobilität ist eine wichtige Voraussetzung für Fortschritt,
Wohlstand, Wachstum und Beschäftigung. Integrierte Verkehrspolitik zielt darauf
ab, diese Mobilität so sicher, umweltfreundlich und sozial gerecht wie möglich
zu gestalten. Dabei muss die Verkehrssicherheit eine hohe Priorität haben. Sie
muss finanziell abgesichert sein und den aktuellen gesellschaftlichen und
technologischen Entwicklungen Rechnung tragen. Ehrenamtliche Arbeit in diesem
Bereich muss öffentlich anerkannt und unterstützt werden. In unserem Antrag
fordern wir die Regierung auf, die Verkehrssicherheit durch eine Reihe von
Maßnahmen zu stärken. Die Öffentlichkeitsarbeit für Verkehrsregeln soll vor
allem in Kindergärten und Schulen intensiviert werden. Alkoholmissbrauch im Straßenverkehr
muss weiter reduziert werden. Moderne Technologien zur Unfallvermeidung sind zu
fördern. Die Wirksamkeit straßenverkehrsrechtlicher Maßnahmen soll durch eine
erhöhte Kontrolldichte sicher gestellt werden. Gemeinsam mit Ländern und
Gemeinden soll ein komplettes Radwegenetz sowie ein hindernisfreies und
altengerechtes Wegenetz in Ortschaften geschaffen werden. Auch ist die
Einführung einer Geschwindigkeitsbegrenzung für Fahranfängerinnen und
Fahranfängern zu prüfen. Zudem bedarf die Fahrlehrer- und
Fahrlehrerinnenausbildung einer Modernisierung. Die finanzielle Unterstützung
der Verkehrssicherheitsarbeit, besonders des Deutschen Verkehrssicherheitsrats
(DVR) und der Deutschen Verkehrswacht (DVW), soll mindestens auf dem bisherigen
Niveau fortgeführt werden.
Klimaschutz
in Europa voranbringen
Seit
2008 verfügt die Europäische Union über eine integrierte Energie- und
Klimaschutzstrategie. Eines ihrer Kernziele ist die Verringerung der
Treibhausgasemissionen bis 2020 um 20 Prozent im Vergleich zu 1990. Auf dem
Klimagipfel der Vereinten Nationen in Cancun Ende 2010 hat sich die
Staatengemeinschaft zum ersten Mal auf eine 2-Grad-Obergrenze geeinigt. Um
dieses Ziel zu erreichen, müssen die Industrieländer ihre
Treibhausgasemissionen im Durchschnitt um 25 bis 40 Prozent verringern. Daher
fordern wir in unserem Antrag, dass die Regierung sich auf europäischer Ebene
für eine unkonditionierte Senkung der Treibhausgasemissionen um 30 Prozent bis
2020 gegenüber 1990 einsetzt. In den kommenden Klimaschutzverhandlungen muss
diese Position offensiv vertreten werden. Auch das Europäische Parlament hat
dies bereits eingefordert. Eine Verschärfung des Klimaschutzziels ist sowohl
für den Ausbau des Europäischen Emissionshandels, als auch für eine ausgewogene
Lastenteilung zwischen den Mitgliedstaaten der EU und zwischen Emissionshandel
und anderen Bereichen wie Verkehr, Haushalt und Gebäuden wichtig. Sie
verspricht eine höhere Sicherheit bei der Energieversorgung, bessere
Luftqualität und zusätzliche Arbeitsplätze. Die EU würde dadurch ihre Position
auf den stark wachsenden grünen Zukunftsmärkten stärken: Wer heute mehr
Klimaschutz verhindert, verhindert die sicheren Arbeitsplätze von morgen.
Gesundheit
als globales öffentliches Gut stärken
Gesundheitspolitik
ist nicht nur ein nationales, sondern ein globales Aufgabenfeld: Weltweite
Gesundheit ist ein globales öffentliches Gut und Menschenrecht. Die derzeitigen
Strukturen der globalen Gesundheitsarchitektur sind jedoch sehr komplex und nur
unzureichend koordiniert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird nur
bedingt als Akteur wahrgenommen und kann ihren Aufgaben nicht vollständig
nachkommen. Da sie aber die einzige legitimierte, internationale Autorität in
Gesundheitsfragen ist, muss die WHO als leitende und koordinierende Stelle des
internationalen Gesundheitswesens gestärkt werden. Als drittgrößter
Beitragszahler mit Sitz im Exekutivrat der WHO muss Deutschland sich aktiv in
den Reformprozess einbringen. In unserem Antrag fordern wir die Regierung auf,
sich dafür einzusetzen, ©
dass
die Rolle der WHO als weltweit normsetzende Organisation in allen globalen
Gesundheitsfragen und bei der Etablierung von Gesundheitssystemen international
verbindlich festgeschrieben wird. Die WHO soll ihr Potential als globaler
gesundheitspolitischer Akteur ausschöpfen, sowohl in den Verhandlungen anderer
internationaler Organisationen, als auch in ihrer Rolle als Anwältin der
öffentlichen Gesundheit, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern. Neben
einer Reform der Finanzierungsgrundlage müssen dafür auch die internen
Strukturen und Entscheidungsprozesse fokussierter und transparenter und stärker
auf die Mitwirkung relevanter Akteure ausgerichtet werden. Schließlich soll
sich die Regierung für die Berücksichtigung der EU-Strategie zur Rolle der EU
in der globalen Gesundheitspolitik einsetzen.
Priorität
für Innovation – Den Europäischen Forschungsraum ausbauen
Die Strategie „Europa 2020“ der Europäischen Union hat unter
anderem zum Ziel, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Europa auf drei
Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern. Zur Erreichung dieses Ziels
sowie zur Stärkung des Europäischen Forschungsraumes ist eine Steigerung der
öffentlichen wie auch privaten Investitionen im Bereich Forschung und
Entwicklung dringend notwendig. Das Europäische Forschungsrahmenprogramm ist
dabei ein wichtiges Instrument. Im EU-Budget ab 2013 muss das Programm daher
eine höhere Priorität als bisher haben. Angesichts knapper Mittel und
drängender Herausforderungen sind inhaltliche Prioritäten transparent
festzulegen und zu begründen. In unserem Antrag fordern wir gemeinsam mit
Bündnis 90/Die Grünen die Regierung dazu auf, sich bei den Verhandlungen zum
Mehrjährigen Finanzrahmen für eine deutliche Prioritätenverschiebung zugunsten
von Forschung und Innovation einzusetzen. Der Europäische Forschungsrat (ERC)
muss langfristig verankert und sein Budget verstetigt werden. Die Förderung des
wissenschaftlichen Nachwuchses muss noch stärker im Forschungsrahmenprogramm
verankert werden. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus
strukturschwachen Regionen und den neuen Mitgliedsländern brauchen wir mehr
Förderinstrumente. Die Verbundforschung soll weiter im Vordergrund stehen und
darf nicht gekürzt werden.
Die
maritime Wirtschaft voranbringen
Schifffahrt und maritime Wirtschaft gehören zu Deutschlands
wichtigsten Wirtschaftszweigen. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag zu
Export, Wachstum und Beschäftigung. Um Deutschlands Spitzenstellung nach der
Wirtschafts- und Finanzkrise zu sichern, müssen jetzt die Rahmenbedingungen für
eine zukunftsfähige maritime Politik geschaffen werden. Wir brauchen einen
klaren strukturpolitischen Ansatz, der Finanzierung, Ordnungs- und
Infrastrukturpolitik, Umweltschutz sowie Forschung und Entwicklung miteinander
verbindet. Mit einer Exzellenz-Strategie soll das vorhandene Potential auf
allen Ebenen gezielt gefördert werden. In unserem Antrag fordern wir die
Regierung auf, beim Schiffbau eine strategische Neuausrichtung der
Geschäftsfelder und die Erschließung neuer Märkte einzuleiten. Die
Seeschifffahrtsbranche muss konsequent gefördert werden; sowohl in Bezug auf
Fördermittel als auch auf Ausbildungsplätze. Das vom Bundesministerium für
Verkehr, Bau und Stadtentwicklung in der vergangenen Wahlperiode entwickelte
„Nationale Hafenkonzept“ muss zügig umgesetzt werden. Auf europäischer Ebene
soll die Regierung sich für eine Harmonisierung der Beihilferichtlinien und
Transparenzregelungen sowie die Umsetzung des EU-Konzepts „From Road to Sea“
einsetzen. Für die Hafenhinterlandanbindungen fordern wir eine integrierte
Verkehrspolitik, die auf einer vernünftigen Kombination der Verkehrsträger
basiert. Beim Aktionsplan Güterverkehr muss die Verlagerung des Güterverkehrs
von der Straße auf die umweltfreundlichen Verkehrsträger Schienenweg und
Wasserstraßen Priorität haben. Um die Ausbauziele der Offshore-Windenergie zu
erreichen, sind ein Gesamtkonzept und vor allem der Ausbau von Hafenstrukturen
notwendig. Der maritime Umweltschutz muss vorangetrieben werden. Die Zukunftschancen
und Potenziale der Meerestechnik müssen besser genutzt werden. Fischerei soll
als gleichberechtigte maritime Wirtschaftsform betrachtet werden.