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An die Mitglieder
der SPD in den Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburg und
Cloppenburg/Vechta |
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Berlin,
18. Oktober 2011 |
I.
Zur Lage
Liebe
Genossinnen und Genossen,
die
weltweiten Proteste vom vergangenen Wochenende sind ein weiteres
Zeichen, dass wir in der Finanzmarktkrise eine andere Politik brauchen. Vor
drei Jahren haben wir gesagt: Dies ist eine Zeitenwende. Konservative und
Marktliberale wollten es nicht wahr haben. Inzwischen reagieren immer mehr
Menschen mit Enttäuschung und Unverständnis auf eine Politik, die die Dinge
nicht mehr regelt. Aus dem Protest spricht die Furcht vor den Folgen einer
Wirtschaftskrise. Er ist nicht nur verständlich, sondern auch berechtigt. Die
Menschen auf der Straße unterstützen unsere Forderungen nach einer schärferen
Regulierung der Finanzmärkte.
Dabei
steht viel auf dem Spiel. Es gibt heute weit verbreiteten Zweifel, ob unsere
Gesellschaft, ob Wirtschaft und Politik den Problemen und Risiken der
ökonomischen und technischen Moderne gewachsen sind. Es gibt Zweifel daran, ob
unser Wirtschaftsmodell in Ordnung ist. Diese Zweifel sind durch die
Finanzmarktkrise seit 2008 massiv gesteigert worden. Der Kollaps der Banken,
für den normale Steuerzahler gerade stehen müssen, ist geradezu ein Programm der
Vertrauensvernichtung. Aber auch die hohe Verschuldung der Staaten weckt Angst
vor der Zukunft. Die Krise stellt eine Wirtschaft infrage, die auf
Finanzspekulation und Verschuldung gebaut wird, nur um dann wie ein Kartenhaus
in sich zusammen zu fallen. Die Krise stellt ein Wirtschaftsmodell infrage, das
wenige bereichert, viele Menschen aber ausschließt und abhängt. Zerstört wird
nicht nur das Vertrauen in den Markt. Zerstört wird auch das Vertrauen in die
Demokratie.
Und
beim Verlust von Vertrauen bleibt es nicht. Die sozialen Proteste aus der Mitte
der Gesellschaft, insbesondere der Jugend, die nach Athen, Madrid, Tel Aviv und
der Wall Street in New York auch Deutschland erreicht haben, sind ein
Warnzeichen. Gewarnt sein müssen wir vor allem auch durch die Krise der
Europäischen Einigung, die auf die Turbulenzen an den Finanzmärkten gefolgt
ist. Niemand soll sich etwas vor machen. All dies ist eine existenzielle
Herausforderung verantwortungsbewusster Politik.
Zwei
Jahre hat sich die schwarz-gelbe Koalition abwartend und ausweichend zur
eskalierenden Staatsfinanzierungskrise in Griechenland verhalten. Das System
Merkel, Entscheidungsbedarf im Euroraum zu leugnen und Weichenstellungen
hinauszuzögern, nur um sich dann von den Märkten zu überstürzten, verspäteten
und unzureichenden Schritten treiben zu lassen, ist gescheitert. Das
wirtschaftliche Zukunftsrisiko für Deutschland und Europa erwächst aus
Politikversagen. Nach zwei Jahren Regierungschaos ist jetzt die Schwelle
erreicht, wo aus Risiken manifeste Gefahren werden: Das Herbstgutachten 2011
der Wirtschaftsforschungsinstitute diagnostiziert einen Wachstumseinbruch in
Deutschland wegen fehlender Bewältigung der Banken- und Schuldenkrise. Es wirft
der Bundesregierung vor, dass sie der Vertrauenskrise in Europa nur zugesehen
hat. Zugleich sieht das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB)
„schwerere Zeiten für den Arbeitsmarkt“ voraus. Die Früchte der Vergangenheit
sind aufgezehrt. Der Abbau der Arbeitslosigkeit erlahmt.
Vor
diesem Hintergrund steht der Koalitionsgipfel von Schwarz-Gelb am
Freitag dieser Woche unter großem Entscheidungsdruck. In jedem Fall ist es
geboten, die Aufforderung der Forschungsinstitute zur Haushaltskonsolidierung
ernst zu nehmen und zu beachten. Unsinnige Milliardenprojekte wie das so
genannte „Betreuungsgeld“, das auf Kosten guter Kitas geht und Kinder von
früher Förderung fernhält, müssen jetzt gestoppt werden. Es immer noch zu
versprechen, weil die orientierungslose CSU einen Prestigeerfolg braucht, ist
unverantwortlich. Vor allem gilt: Steuersenkungen auf Pump sind gefährlich. Sie
dennoch zu versprechen, um der FDP das politische Überleben zu ermöglichen,
wäre die Fortsetzung einer politischen Geisterfahrt. Angesichts erlahmender
Wachstumserwartungen und der großen Risiken muss sich die Finanzpolitik sehr
klar auf zentrale und unmittelbar wirksame Wachstumsfelder wie Bildung,
Innovationen und Stärkung der kommunalen Investitionskraft konzentrieren.
Am
kommenden Wochenende findet nun der verschobene Europäische Rat statt.
Am Freitag wird es dazu eine Regierungserklärung geben. Auch hier ist der
Erwartungsdruck sehr hoch, dass die schwarz-gelbe Bundesregierung endlich zu
einer klaren Haltung findet. Entschieden werden muss über die
Funktionsfähigkeit des Euro-Rettungsschirms EFSF, über den Schuldenschnitt im
Falle Griechenlands und über die nötige Stabilisierung der Banken, das heißt
auch, über die Sicherung von Bankeinlagen, Sparguthaben oder Krediten an
produzierende Unternehmen in anderen europäischen Ländern. Die Bundesregierung
hat ein Problem mit der Wahrheit. Bis heute hat sie sich gedrückt vor einer
Erklärung, wie sie die dem EFSF zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen will.
Sie hat sich gedrückt vor einer Aussage, ob die Mittel ausreichen oder noch
vergrößert werden müssen. Entweder ist die Koalition selbst ratlos, wofür
einiges spricht. Oder sie täuscht bewusst die Öffentlichkeit. Beides ist
Politikversagen.
Wir
brauchen einen klaren Kurs bei der Regulierung der Finanzmärkte. Der Erpressung
der Staaten durch Banken, die „zu groß zum Scheitern“ sind, muss begegnet werden. Deshalb
zielt die in den USA, in Großbritannien und jetzt auch in Deutschland geführte
Diskussion über die Trennung von riskantem Investmentbanking und Kundengeschäft
auf einen wesentlichen Punkt. Überfällig ist aber auch die Beteiligung der
Finanzmarktakteure an den Kosten der Krise und an den Investitionen eines
europäischen Modernisierungs- und Wachstumsprogramms durch die
Finanztransaktionssteuer.
Wir
brauchen in einer Zeit wachsenden Unmuts der Menschen einen neuen Dialog über
die Zukunft unseres Wirtschaftsmodells. Neue Netzwerke müssen entstehen, damit
neue Ideen ihren Weg vom Protest in die Politik finden können. Zur Begleitung
der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, die wir gemeinsam
mit Bündnis 90/ Die Grünen vor einem Jahr angestoßen haben, hat die
Friedrich-Ebert-Stiftung in dieser Woche das „Fortschrittsforum“ gegründet.
Das Fortschrittsforum ist Ausdruck eines breiten gesellschaftlichen
Bedürfnisses nach neuem Denken in der Politik. Zugleich steckt darin der
Wunsch, nicht nur ergebnislos zu kritisieren, sondern konkret und praktisch zu
verändern.
Auf
der weit in die sozialen Netzwerke verzweigten Debattenplattform
www.fortschrittsforum.de könnt Ihr dieses Projekt verfolgen und
Euch vor allem selbst einschalten und einbringen.
Euer
Holger
Ortel