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An die Mitglieder der SPD
in den Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburgund
Cloppenburg/Vechta |
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Berlin, 27. September
2011 |
Politischer Bericht vom 27. September 2011
I. Zur Lage
Liebe Genossinnen und
Genossen,
wenige
Tage vor der wichtigen Abstimmung über den Stabilisierungsfonds EFSF gibt
es Meldungen, dass die Ertüchtigung nicht reicht und dass der Rettungsschirm
erneut ausgeweitet werden soll. Der Bundestag hat über die Vorlage der
Bundesregierung noch nicht entschieden, da werden schon neue
Milliarden-Programme diskutiert. Über Art und Umfang herrscht Verwirrung. Von
einer „ultimativen Abschreckung“ der Finanzmärkte und von Gewährleistungen ohne
Grenzen ist die Rede. EU-Währungskommissar Olli Rehn spricht davon, „den EFSF
mit zusätzlicher Hebelwirkung auszustatten, um ihm mehr Stärke zu geben“.
Solche nebulösen Planspiele wecken den Eindruck, dass der Bundestag wieder nur
beschränkt informiert ist und von der schwarz-gelben Regierung erneut hinters
Licht geführt wird. Aufklärung ist dringend geboten, und zwar unverzüglich und
umfassend. Merkel und Schäuble müssen noch vor der Abstimmung am Donnerstag
ihre Absichten und Planungen offenlegen.
Schon einmal gab es
einen solchen Vorgang: Im Frühjahr 2010 verweigerten Merkel, Westerwelle und
Schäuble dem Deutschen Bundestag wochenlang eine klare Auskunft über ihre
Pläne. Zwei Tage vor der Wahl in NRW sagte Schwarz-Gelb dann: 22,4 Milliarden
Euro Garantien für Griechenland und keinen Cent mehr. Bereits zwei Tage nach
der Wahl aber wuchs der deutsche Anteil an der Kreditbürgschaft mit dem
Euro-Rettungsschirm auf 123 Milliarden an. Jetzt soll er auf 211 Milliarden
ausgeweitet werden.
Merkel reagiert seit
anderthalb Jahren immer nach demselben Muster: Sie weicht aus, wiegelt ab,
verschleiert und verschleppt die Entscheidung so lange, bis die Kosten der
Euro-Rettung immer höher steigen. Schließlich müssen Rettungspakete geschnürt
werden, die schon zum Zeitpunkt ihrer Beschlussfassung nicht mehr ausreichen.
Dies ist das Muster des schwarz-gelben Regierungsversagens, das die Euro-Krise
anheizt statt bekämpft.
Die neue chaotische
Diskussion um die Höhe des Rettungsschirms zeigt eines sehr deutlich: Wir
erleben die schwerste Krise der Europäischen Union seit ihrem Bestehen. Die
Antworten darauf sind nicht einfach und erfordern den Mut zu grundlegenden
Weichenstellungen. Gerade dafür aber ist die schwarz-gelbe Koalition nicht
gewappnet. Das Nichthandeln der Bundesregierung hat den Namen Krisenmanagement
nicht verdient. Es ist fahrlässig und unverantwortlich, ein Zukunftsrisiko für
Deutschland und Europa.
Die Linie der SPD ist
eindeutig. Nicht wir müssen uns korrigieren. Die schwarz-gelbe Koalition ist
es, die auf unsere Forderungen einschwenken muss. Seit dem ersten
Griechenland-Paket sagen wir: Rettungsschirme mit Krediten reichen nicht. Sie
sind notwendig in der akuten Krise, aber nicht hinreichend, um die Ursachen
dauerhaft zu bekämpfen. Seid anderthalb Jahren fordern wir die
Gläubigerbeteiligung und den Schuldenschnitt. Schwarz-Gelb hat das viel zu
lange bekämpft und öffnet sich jetzt viel zu zögerlich. Seid anderthalb Jahren
fordern wir die Reduzierung der untragbaren Zinslast von Krisenländern.
Merkel denunziert das
bis heute, obwohl sie selbst am 21. Juli einem „vergemeinschaftteten“ Zinssatz
von 3,5 % zugestimmt hat.
Seit anderthalb Jahren
fordern wir die Finanztransaktionssteuer. Schwarz-Gelb hat sie lange
zurückgewiesen und ausgebremst. Seit anderthalb Jahren sagen wir, der
Krisenherd liegt auch bei den instabilen Banken. Schwarz-Gelb wiegelt ab. Seit
anderthalb Jahren fordern wir Wachstumsimpulse gegen die Abwärtsspirale aus
Rezession und Verschuldung, finanziert aus der Besteuerung der Finanzmärkte.
Schwarz-Gelb schweigt dazu. Merkel bekommt die Krise in der Eurozone nicht in
den Griff, weil sie ihre Ursachen ideologisch verbrämt und verkürzt. Es ist
nicht nur Staatsversagen in einem kleinen Krisenland. Es sind vor allem
instabile, nervöse, kaum regulierte Finanzmärkte, die Europa erschüttern und
die Steuerzahler immer wieder in Haftung nehmen. Solange die Finanzmarktakteure
nicht in die Lösung einbezogen werden, wird es keine Ruhe geben.
Die Ausweitung und
Ertüchtigung des EFSF, über die wir diese Woche entscheiden, reicht nicht aus,
aber sie ist unausweichlich. Es geht dabei um handfeste deutsche Interessen.
Ein Bruch der Währungsunion würde die deutsche Wirtschaft in einen
Aufwertungsschock treiben und Industrieprodukte schlagartig verteuern. Die
Währungsrisiken mit allen Kosten kämen zurück und wären eine Last für
exportorientierte Mittelständler. Die Finanzmarktkrise hat laut OECD schon
weltweit 13 Millionen Arbeitsplätze gekostet. Diese riesige Schadensbilanz darf
nicht noch größer werden. Die Stabilisierung des Euro bedeutet Schutz und
Sicherung von Millionen Arbeitsplätzen. Wir müssen die Existenzgrundlage von
Millionen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern verteidigen.
Bei der strittigen
Frage, wie die Beteiligungsrechte des Deutschen Bundestages gewahrt
werden, haben wir durch hartnäckige Verhandlungen viel erreicht. Das Bundesverfassungsgericht
hat entschieden, dass die Abgeordneten des Deutschen Bundestages die Kontrolle
über grundlegende haushaltspolitische Entscheidungen behalten müssen. Bislang
musste sich die Bundesregierung lediglich um Einvernehmen mit dem Haushaltsausschuss
bemühen. Jetzt gibt es echte Zustimmungsrechte. Das bedeutet: Ohne Zustimmung
des Bundestages darf die Bundesregierung die jeweilige Maßnahme nicht
mitttragen, sondern muss sie ablehnen.
Das Plenum des
Parlaments bekommt eine starke Stellung. Es bestimmt über jede Aufnahme eines
Landes in den Rettungsfonds. Es bestimmt über den Rahmenvertrag des EFSF. Es
bestimmt über die Überführung des befristeten EFSF in den permanenten
Mechanismus des ESM. Keine dieser Entscheidungen kann die Regierung als vertraulich
behandeln und überstürzt durch das Parlament jagen. Jede dieser Entscheidungen
muss öffentlich verhandelt werden. Dies ist ein großer Gewinn an Transparenz.
Das Gesetz stellt sicher, dass das Plenum, der Haushaltsausschuss oder das
sogenannte „9er Gremium“ bei weiteren Maßnahmen zustimmen müssen.
Beim "9er
Gremium" - neun Abgeordnete, die über vertrauliche und eilbedürftige
Maßnahmen entscheiden – haben wir uns an einer entscheidenden Stelle
durchgesetzt: Das Gremium wird nicht, wie die Koalition wollte, vom
Haushaltsausschuss ernannt; alle Mitglieder dieses Gremiums werden vom ganzen
Deutschen Bundestag für die Dauer einer Wahlperiode gewählt. Auch das ist ein
Gewinn an demokratischer Legitimation, für den die SPD erfolgreich gestritten
hat.
50 Jahre deutsche
Entwicklungszusammenarbeit. Am
Freitag dieser Woche debattiert der Bundestag über die vor allem auch
sozialdemokratisch geprägte Tradition der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.
Vor genau 50 Jahren, im Herbst 1961, wurde das Bundesministerium für
wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) mit der Absicht gegründet, die
entwicklungspolitischen Aktivitäten der Bundesrepublik zu bündeln. Unter Willy
Brandt wurde 1972 die Zuständigkeit für die finanzielle Zusammenarbeit mit
Partnerländern und in internationalen Organisationen auf das BMZ übertragen.
Unter sozialdemokratischer Führung hat die Bundesrepublik eine wirklich
eigenständige Entwicklungspolitik bekommen. Es sind sozialdemokratische Namen,
die deutsche Entwicklungshilfe gestaltet haben. Angefangen mit Hans-Jürgen
Wischnewski während der ersten Großen Koalition Ende der sechziger Jahre über
Erhard Eppler, Egon Bahr, Marie Schlei, Rainer Offergeld bis hin zu Heidemarie
Wieczorek-Zeul, die das Ministerium elf Jahre lang, zwischen 1998 und 2009 erfolgreich
leitete.
Heute ist der gute
Ruf, den sich das Haus in vielen Jahrzehnten weltweit erworben hat, stark
gefährdet. Seit der Regierungsübernahme durch Schwarz-Gelb im Oktober 2009 wird
das Ministerium von Dirk Niebel geleitet, dessen Partei zuvor erklärt hatte,
das BMZ auflösen zu wollen. Dann merkte man in FDP-Kreisen, dass das BMZ doch
noch zu etwas zu gebrauchen ist: Und zwar als Versorgungsanstalt für
altgediente FDP-Funktionäre. Damit nicht genug: Aus entwicklungspolitischer
Sicht zieht Niebel eine Schneise der Verwüstung durch sein Ressort. Dort, wo
Hilfe am sinnvollsten ist, werden die Mittel gekürzt, wie zum Beispiel beim
Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria. Dieser Fonds
hat in weniger als zehn Jahren 6,5 Millionen Menschen das Leben gerettet. Doch
Niebel verweigert die Mittel – allein 100 Mio. Euro in diesem und 200 Mio. Euro
im nächsten Jahr.
Bei
der Erreichung der Milleniumsziele für die globale Entwicklung bis 2015 versagt
Niebel auf ganzer Linie. Trotz eingegangener internationaler Verpflichtungen,
die öffentlichen Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit bis 2015 auf 0,7
Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE) zu erhöhen, spiegelt sich dies im
Haushaltsentwurf der Bundesregierung für 2012 in keiner Weise. Niebel ignoriert
nicht nur die Stimmen der Opposition, sondern auch die der Fachleute aus den
Reihen der Koalition.
Zur Vereinbarkeit von
Panzerlieferungen an Saudi-Arabien mit dem Menschenrechtskonzept seines
Ministeriums sagte Niebel, solche Waffenlieferungen könnten zur Stabilisierung
der Region und damit zur Wahrung der Menschenrechte beitragen. Stärker kann man
sich nicht diskreditieren. Noch nie in der 50-jährigen Geschichte des BMZ gab
es eine solche Fehlbesetzung für die Aufgabe des Entwicklungshilfeministers. Es
wird Zeit, dass wir das ändern. Deutschland braucht eine andere Regierung.
Euer
Holger
Ortel