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An die Mitglieder der
SPD in den Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburgund
Cloppenburg/Vechta |
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Berlin, 25.
Oktober 2011 |
I. Zur Lage
Liebe Genossinnen und
Genossen,
zu den nun das zweite
Mal verschobenen Entscheidungen des Europäischen Rates sagte der
Vorsitzende der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, die Außenwirkung sei
„desaströs“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Auch beim Gipfeltreffen am Sonntag
blieben die meisten Fragen offen. Weder der Schuldenschnitt Griechenlands noch
die Ausweitung des Rettungsschirms EFSF durch so genannte „Hebel“ konnten
geklärt werden.
Auch bei der
Unterrichtung der Opposition durch die Bundeskanzlerin am Montag blieb noch
vieles vage. In einem zentralen Punkt allerdings – unserer Forderung, dass über
die durch einen Hebel vergrößerten Risiken nicht der Haushaltsausschuss,
sondern der Bundestag als Ganzes entscheiden muss – hat die Koalition gerade
noch die Kurve gekriegt: Nachdem Union und FDP in der vergangenen Woche strikt
leugneten, es komme zu höheren Risiken für den deutschen Haushalt, nachdem sie
die Beschlüsse nach dem Motto ‚Augen zu und durch’ im Haushaltsausschuss
durchdrücken wollten, kam gestern die Kehrtwende. Wir haben durchgesetzt, dass
nach einer Regierungserklärung am Mittwoch das Plenum über die Regeln des
Euro-Rettungsschirms entscheidet.
Damit wird auch klar:
Die Koalition gesteht
jetzt das höhere Risiko und die Haushaltsrelevanz eines Hebels ein. Vor kurzem
noch haben Rainer Brüderle und Horst Seehofer rundheraus bestritten, dass die
Koalition eine Vervielfachung der Garantiesumme mit Hebelmechanismen
beschließen will. Dann haben sie die Opposition beschimpft, als wir auf höhere
Haftungsrisiken hinwiesen. Jetzt gesteht Kauder ein, dass die Frage nach dem
höheren Risiko offen ist. Es bleibt dabei: Die Koalition hat ein Problem mit
der Wahrheit. Sie fällt immer wieder in dasselbe Muster. Zuerst verschweigt sie
die Risiken, dann beschimpft sie diejenigen, die aussprechen, was offenkundig
ist, schließlich schwenkt sie kleinlaut auf die Position der Opposition ein. So
verhalten sich notorische Spieler, die beim Betrug ertappt werden. Eine seriöse
Regierung darf sich so nicht verhalten. Der Vertrauensverlust ist kaum noch zu
ermessen. Die schwarz-gelbe Koalition blickt in einen Abgrund.
In der Sache wird über
zwei Ansätze verhandelt, um die Reichweite des Schirms zu vergrößern: Zum einen
eine so genannte „Versicherungslösung“. Ein Teil des Wertes von Staatsanleihen
wird durch die EFSF auf einen Ausfall versichert. So sollen Anleger einen zusätzlichen
Anreiz bekommen, Anleihen von Staaten zu erwerben, die am Markt in
Schwierigkeiten gekommen sind. Zum anderen wird über eine ergänzende
„Investment-Zweckgesellschaft“ gesprochen, die gespeist wird durch Mittel von
öffentlichen und privaten Anlegern, die ein Interesse am Euro als stabiler
internationaler Währung und am europäischen Markt haben, wie zum Beispiel China
oder Norwegen. Mit diesen zwei Optionen sind nicht alle Unsicherheiten
auszuräumen. Ob etwa die Anleger eine Versicherungslösung annehmen werden, wird
von Fachleuten sehr unterschiedlich bewertet.
Umso wichtiger ist es,
immer wieder zu bekräftigen, dass der Schirm zwar notwendig ist, aber allein
bei weitem nicht ausreicht, um die Krise im Euroraum zu überwinden. Seit mehr
als anderthalb Jahren fordert die SPD einen umfassenden Ansatz:
Ein Schuldenschnitt
Griechenlands ist schon lange unausweichlich. Als sich die Eurogruppe im Juli
nach langem Zögern zu einem Beschluss durchrang, die Banken mit einem Schnitt
von 21 Prozent zu beteiligen, haben wir deutlich gemacht, dass das nicht
ausreicht. Griechische Anleihen waren in den Bilanzen der Institute schon bis
zu 50 Prozent abgeschrieben. Ein solcher Deal hätte die Gläubiger nicht
belastet, sondern gegenüber dem Marktwert noch begünstigt. Jetzt endlich ist
auch Merkel so weit, einen Schuldenschnitt von 50 Prozent zu verhandeln.
Wir fordern seit
langem ein europäisches Modernisierungs- und Wachstumsprogramm. Seit Monaten
beobachten wir eine Abwärtsspirale aus Rezession, neuer Verschuldung und
sozialen Protesten in den Krisenländern. Wer ideologisch verbohrt
ausschließlich auf staatliche Ausgabenkürzungen setzt, wird aus diesem
Teufelskreis niemals ausbrechen können. Die Konsolidierung der Staatsfinanzen
ist nicht zu schaffen, wenn die Wirtschaft erstickt. Um Europas Zusammenhalt zu
retten, brauchen wir einen starken Impuls von Investitionen und von Hoffnung,
der dem Marshall-Plan vergleichbar ist. Diese Investitionen müssen der
Realwirtschaft zugute kommen. Das Geld darf nicht von einem Finanzanleger zum
nächsten wandern, es muss in Betrieben, bei Arbeitsplätzen und beim Einkommen
der Menschen ankommen.
Dabei sagen wir:
Investitionen in eine moderne, wettbewerbsfähige Wirtschaft können nicht aus
den erschöpften Staatshaushalten oder von den normalen Arbeitnehmern mit ihrer
Lohnsteuer bezahlt werden. Deshalb fordern wir seit Monaten immer wieder die
Einführung einer Finanztransaktionssteuer, aus deren Aufkommen der Aufschwung
zu finanzieren ist. Im Oktober hat nun die Europäische Kommission einen
Vorschlag vorgelegt. Unsere Forderung, die von Schwarz-Gelb lange bekämpft
wurde, hat nun Chancen auf Verwirklichung. Aber immer noch sendet Merkel
zweideutige Signale, beteuert einerseits, sie und ihre Partei seien dafür, und
dokumentiert anderseits, dass die Bundesregierung nicht handlungsfähig ist,
weil der Koalitionspartner FDP nicht will.
Derselbe schwarz-gelbe
Wankelmut bei der Regulierung der Finanzmärkte, die wir brauchen, um die Krise
langfristig und nachhaltig zu bekämpfen. Die SPD dringt seit Jahren darauf, die
Gefahr zu erkennen und zu handeln – seit Helmut Schmidts Warnung vor dem
„Raubtierkapitalismus“, seit Franz Münteferings Kritik an der
Heuschreckenpraxis der Hedge-Fonds, seit den unter Leitung von Joachim Poß
ausgearbeiteten Vorschlägen zur Begrenzung von Managerbezügen, seit dem von
Peer Steinbrück und mir vorgelegten Aktionsplan für neue Regeln auf den
Finanzmärkten. In der Großen Koalition hat Merkel viel verhindert. Seit
Schwarz-Gelb regiert, ist die Regulierung vollständig erlahmt.
Wir müssen dafür
sorgen, dass der Markt dem Recht folgt, nicht das Recht dem Markt. Wir brauchen
einen TÜV für Finanzprodukte, der kein Produkt zulässt, dessen Risiken nicht
überschaubar sind. Der Derivatehandel ist seit 2008 nicht kleiner geworden, er
beträgt ein Vielfaches des globalen Bruttosozialprodukts. Wir müssen dafür
sorgen, dass Licht in den Grauen Kapitalmarkt kommt, dass alle Angebote offen,
transparent und unter Aufsicht gehandelt werden. Mehr noch, der
computergesteuerte Hochfrequenzhandel beträgt mittlerweile 50 Prozent des
Umsatzes an den europäischen Börsen, ohne dass Menschen eingreifen, die das
Risiko dieser in Nanosekunden ausgelösten Milliardenbewegungen einschätzen.
Eine Transaktionssteuer kann hier dämpfend wirken. Wir brauchen nicht zuletzt
eine Europäische Ratingagentur, um das Kartell amerikanischer Agenturen, die
nachweislich krisenverschärfend gehandelt haben, aufzubrechen. Schließlich
müssen wir künftig eine Situation verhindern, in der Banken die Regierungen
erpressen, weil sie „zu groß zum Scheitern“ sind. Deshalb ist die Diskussion
über ein Stoppschild für Staatshaftung überfällig. Privatisierung der Gewinne,
Sozialisierung der Verluste – das muss aufhören.
Wir verschweigen
nicht, dass all das einen politischen Kraftakt und ein starkes Mandat durch die
Wählerinnen und Wähler braucht. Eine schwarz-gelbe Bundesregierung, die sich –
das Koalitionsgipfelchen vergangene Woche war nur noch lächerlich – nicht
einmal über die einfache Frage der Steuerpolitik einig wird, die in einer
Endlosschleife streitet, von der Pflege über das Betreuungsgeld bis zur
PKW-Maut, einer solchen Chaos-Koalition kann einfach niemand vertrauen, unser
Land durch die schwerste Krise Europas seit Jahrzehnten zu führen.
Die SPD wird in
unseren europäischen Nachbarländern längst nicht mehr nur als Opposition
wahrgenommen, sondern als ein stabilisierender Akteur, als ein Garant von
Vernunft und Verlässlichkeit. Wenn wir in dieser Woche über die Zukunft des
Euro und der europäischen Einigung entscheiden, werden wir uns nicht leiten
lassen vom Unvermögen der schwarz-gelben Koalition oder von der Unehrlichkeit
in den Reihen von CDU, CSU und FDP. Es geht um weit mehr, als das zu bestrafen.
Wir stimmen nicht für
eine Bundesregierung, die versagt, wir stimmen für ein Europa, das in dieser
kritischen Stunde nicht versagen darf.
Euer
Holger
Ortel