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An die Mitglieder der SPD
in den Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburgund
Cloppenburg/Vechta |
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Berlin, 12. April
2011 |
I. Zur Lage
Liebe Genossinnen und
Genossen,
Deutschland diskutiert
die Energiewende. Auch die Wirtschaft bestimmt ihren Kurs neu. Der
Vorstandsbeschluss des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW)
zum Ausstieg aus der Atomkraft bis 2020 macht klar, was die Stunde geschlagen
hat. Die 1.800 im BDEW organisierten Unternehmen suchen eine Alternative. In
diesen Wochen beweist sich einmal mehr, dass die SPD Anfang der 90er Jahre aus
eigener Kraft und eigenem Antrieb die Weichen richtig gestellt hat. Drei
Grundentscheidungen wurden von Gerhard Schröder und einer SPD-geführten
Bundesregierung gefällt:
Die ökologische
Steuerreform, der Atomausstiegskonsens und das Erneuerbare-Energien-Gesetz
waren nur möglich, weil wir die Machtverhältnisse im Land verändert haben.
Wir haben die
Energiewende ganz bewusst unter den Bedingungen eines Industrielandes eingeleitet.
Wir haben nicht nur gegen alle Anfeindungen der damaligen Opposition von Union
und FDP Kurs gehalten. Wir haben auch die Deindustrialisierung verhindert, sind
den Weg der Verantwortung gegangen und haben in harten Verhandlungen mit der
Energiewirtschaft einen Konsens erzielt. Das ist der Grund, warum Deutschland
heute weit besser als andere Länder auf die Herausforderungen der postatomaren
Energieära vorbereitet ist. Das ist der Grund, warum wir als Industrie- und
Innovationsstandort bei Effizienztechnik und Erneuerbaren Energiequellen einen
Vorsprung gewonnen haben.
Für die SPD zählt
auf lange Sicht die disziplinierte Arbeit gerade an den industrie-,
arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Dimensionen einer neuen Energiepolitik. Die
in Deutschland vorhandene Wertschöpfungskette von industrieller
Grundstoffproduktion bis hin zum hochspezialisierten High-Tech-Mittelständler
ist die entscheidende Ressource für Innovation, die wir für die Energiewende
und den Klimaschutz brauchen. Wir haben die schwierigen Fragen der
Versorgungssicherheit zu beantworten, die wir aus eigener Kraft und ohne
importierten Atomstrom erreichen wollen. Dazu gehören hocheffiziente und
lastflexible Kohle- und Gaskraftwerke. Wir müssen den Netzausbau bundesweit zur
Priorität machen und dafür Legitimität schaffen. Wir brauchen einen
sozial-ökologischen Lastenausgleich, der Gerechtigkeit schafft bei den Kosten
und den Renditen der Energieeffizienzinvestitionen und des Ausbaus der
Erneuerbaren. Vor uns liegen detaillierte technologiepolitische und
gesetzgeberische Schritte. Deshalb ist die Berufung einer Regierungskommission
durch Angela Merkel, die den irreführenden Titel einer „Ethik-Kommission“
bekommen hat, mehr Publicity-Manöver als seriöses Regierungshandeln. Die
ethische Frage des Atomausstiegs ist beantwortet. Wir müssen daraus die
Konsequenz ziehen und gute Politik machen. Was wir jetzt ins Werk setzen
müssen, ist eine wirtschaftlich innovative und sozial gerechte Energiewende.
Die SPD-Bundestagsfraktion hat in den vergangenen Monaten ein detailliertes
Energiekonzept erarbeitet, das wir in dieser Woche in die Beratungen
einbringen. Wir zeigen, wie die Ziele der CO2-Reduzierung und der
Erhöhung des Anteils Erneuerbarer Energien an der Versorgung zu erreichen sind.
Darüber kann und muss man streiten. Die Auseinandersetzung darüber ist aber die
ureigene Aufgabe des Parlaments. Wir fordern daher die Einsetzung eines
Sonder-Ausschusses Atomausstieg und Energiewende.
Die permanente
Umgehung und Missachtung des Deutschen Bundestages durch die schwarz-gelbe
Koalition muss ein Ende haben.
Die Geringschätzung
des demokratisch-parlamentarischen Grundkonsenses durch die Regierung Merkel
wird an zahlreichen Fällen in der Energie-, der Europa- oder der
Sicherheitspolitik mit dem verunglückten Umbau der Bundeswehr deutlich. Doch
auch die öffentlich kaum beachtete Fundamentalfrage der Wahlrechtsreform liefert
dafür jetzt Anschauungsunterricht: Das Bundesverfassungsgericht hat dem
Gesetzgeber eine Neuregelung der so genannten Überhangmandate aufgetragen. Die
zunehmende Zahl dieser Mandate führt zur Verzerrung der Wahlergebnisse, wenn
den Zweitstimmen eine andere Mehrheit nach Mandaten gegenübersteht. Das wäre
der Weg in die Verfassungskrise.
Nach intensiven
fraktionsübergreifenden Beratungen, in denen wir uns dafür eingesetzt haben,
die verzerrende Wirkung der Überhangmandate durch entsprechende
Ausgleichsmandate an die übrigen Fraktionen zu heilen, ist die schwarz-gelbe
Koalition jetzt aus den Verhandlungen ausgestiegen. Die Regierungsmehrheit will
die Frage im Alleingang regeln. Das wäre eine schwere Hypothek. Politisches
Einvernehmen über Fragen des Wahlrechts ist entscheidend für die Akzeptanz
unserer Demokratie.
Nach wie vor gibt die Lage
in Libyen Anlass zu größter Sorge. Den Rebellen ist es gelungen, die
Truppen des Gaddafi-Regimes abzuwehren, doch es gibt keine Anzeichen dafür,
dass das internationale militärische Eingreifen eine schnelle Lösung des
Konfliktes bringt. Ein lang andauernder Bürgerkrieg in Nordafrika würde
radikale Kräfte stärken und die gesamte Region destabilisieren. Schon jetzt
spitzt sich die humanitäre Situation in den umkämpften Gebieten zu.
Wir brauchen mehr denn
je eine politische Initiative, die international abgestimmt und im ersten
Schritt auf einen Waffenstillstand gerichtet ist. Dies ist eine Voraussetzung,
um Hilfe für die Menschen in Not leisten zu können und einen politischen
Prozess zu befördern, der die Gaddafi-Herrschaft beendet. Die Bundesrepublik
muss sich an der humanitären Hilfe für die Zivilbevölkerung beteiligen.
Wir fordern von der
Bundesregierung Klarheit in Worten und Taten. Vor allem muss die Regierung
Parlament und Öffentlichkeit unverzüglich unterrichten, ob sie eine Beteiligung
der Bundeswehr an der Absicherung der humanitären Hilfe anstrebt. Ohne genaue
Informationen, wie ein solcher Einsatz aussehen soll, welche Risiken er hat und
wann er beendet wird, kann niemand zustimmen. Eine Blankovollmacht ist
ausgeschlossen.
Zur humanitären Lage
gehört auch das Schicksal der Flüchtlinge. Der Tod von mehr als hundert
Menschen aus afrikanischen Ländern, die vor der Küste von Lampedusa in Seenot
gerieten, ist eine dramatische Mahnung, dass schnelle Hilfe geboten ist. Europa
aber ist zerstritten und fällt zurück in national-egoistische Reflexe. Sowohl
die unabgestimmte Erteilung von Visa durch Italien wie die Reaktion, das
Schengen-Abkommen außer Kraft zu setzen und nationale Grenzkontrollen wieder
einzuführen, ist eine Bankrotterklärung der gemeinsamen europäischen
Innenpolitik
Die Bundesregierung
trägt bislang nichts zur Lösung der Krise bei. Sie gießt vielmehr Öl ins Feuer,
wenn sie Italien jede Unterstützung verweigert und keine Strategie zur
Bekämpfung der Fluchtursachen vorlegt.
In der gegenwärtigen
kritischen Situation im Nahen Osten und in Nordafrika rächt sich, wie
konzeptionslos und letztlich desinteressiert die Bundesregierung gegenüber
unseren Nachbarn im Mittelmeerraum agiert. Sie hat Deutschland durch
Ungeschicktheit und Unklarheit in der Frage des Militäreinsatzes in Libyen
isoliert. Sie steht nun auch bei den internationalen Vermittlungsbemühungen für
einen Waffenstillstand abseits.
Es zeigt sich, wie
sehr Union und FDP in den vergangenen anderthalb Jahren das Verhältnis zur
Türkei vernachlässigt haben. Als einflussreiche Regionalmacht kann die Türkei
nicht nur im Falle Libyens, sondern in der gesamten Mittelmeerregion eine
konstruktive Rolle spielen. Wer aber wie die Bundesregierung der Türkei
dauerhaft die kalte Schulter zeigt, darf sich nicht wundern, dass sich das Land
von Europa abwendet. Europa muss zu einem Neuanfang in der 5 Mittelmeerpolitik
kommen, der dem Ernst der Lage angemessen ist. Bislang sind nur
Lippenbekenntnisse zu hören. In diesen Wochen und Monaten entscheidet sich, ob
aus dem hoffnungsvollen Aufbruch zur Demokratie in den arabischen Ländern ein
rechtsstaatlicher, wirtschaftlicher und sozialer Neuanfang wird oder ob
Enttäuschung und Extremismus doch noch triumphieren und die Menschen zur Flucht
treiben. Deutschland muss jetzt eine führende Rolle einnehmen und nicht weniger
als einen Marshallplan für die Modernisierung des Nahen Ostens initiieren.
Die SPD wird im engen
Austausch mit Experten und in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung,
die über ein einzigartiges Netzwerk in der Region verfügt, ihren Beitrag dazu
leisten.
Euer
Holger Ortel