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An die Mitglieder der SPD
in den Wahlkreise Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburg und
Cloppenburg-Vechta |
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Berlin, 13. Dezember
2011 |
Politischer Bericht vom 13. Dezember 2011
I.
Zur Lage
II.
Liebe
Genossinnen und Genossen,
auf unserem Bundesparteitag
haben wir ein starkes Signal der Geschlossenheit und des Aufbruchs zu neuer
Regierungsverantwortung 2013 gegeben. Bei Steuern und Finanzen wie bei der
Arbeits- und Sozialpolitik legen wir ehrliche Konzepte vor, die niemandem das
Blaue vom Himmel versprechen, sondern solide gerechnet und umsetzbar sind. Wir
zeigen einen Weg, wie Deutschland die großen Zukunftsaufgaben der Bildung, der
Chancengleichheit, des Klimaschutzes, der Energiewende, der kommunalen
Dienstleistungen und des Schuldenabbaus anpacken kann. Deutschlands Zukunft
liegt in Europa – auch diese Botschaft geht von der Sozialdemokratie aus. In
einer Zeit großer Unsicherheiten und Umbrüche stehen wir wie keine andere
deutsche Partei für die europäische Einigung. Wir wollen ein erneuertes Bündnis,
einen neuen starken Bund für Europa, in dem gilt: alle für einen, einer für
alle. Nicht das Schielen auf nationalen Populismus, sondern gemeinsame
Verantwortung für den Euro und die Weichenstellung in Richtung Realwirtschaft
mit Impulsen für neues, nachhaltiges Wachstum führen Europa aus der Krise.2
In
den vergangenen Tagen haben wir das ganze Elend von Gipfeln erlebt, auf denen
die Teilnehmer nur zur Gesichtswahrung und nur für den schönen Schein
Beschlüsse verkünden, die keine Substanz haben. Die Rhetorik des Erfolgs, wo in
der Sache kein Fortschritt ist, geht den Menschen auf den Wecker. Sie zerstört
das Vertrauen in die Fähigkeit gewählter Regierungen, Probleme zu lösen. Sie
untergräbt die Grundlagen der Demokratie.
Der Weltklimagipfel
in Durban?
Nach
tagelangen taktischen Grabenkämpfen wird verkündet, man habe die Weichen
gestellt für ein neues globales Klimaabkommen. Tatsache ist aber, der Gipfel
ist blamabel gescheitert. Statt Verpflichtungen zur C02-Minderung einzugehen,
werden Absichten verkündet, neue Gipfel in Aussicht gestellt, Lösungen
behauptet, aber nicht geliefert. Die Ergebnisse sollen 2020 greifen – was für
eine Augenwischerei!
Der
vorerst letzte einer Serie von Euro-Krisen-Gipfeln in 2011 vergangene
Woche? Er war ein Fiasko. Wir haben es Kanzlerin Merkel vorher gesagt:
Simulierte Politik hilft nicht weiter. Ersatzhandlungen statt Problemlösungen
verschlimmern die Lage. Die Finanzanalysten haben das Märchen von der
Krisenbewältigung gnadenlos durchschaut: Keine Einigkeit, sondern Zeichen der
Spaltung Europas, kein Signal der gemeinsamen Haftung, keine Klarheit über die
Rolle der EZB, wortreiche Nebel über Vertragsänderungen und Sanktionen, aber
keine Aussicht auf eine Lösung der akuten Schuldenfrage.
Der
Vertrauensverlust grassiert weiter, die Anleger fliehen den Euroraum, die
Rezessionsgefahr in Europa nimmt täglich weiter zu.
Merkel wird an diesem
Mittwoch eine weitere Regierungserklärung zur Lage Europas abgeben. Man kann
sie nur davor warnen, die Gipfelergebnisse zu beschönigen, in der Hoffnung auf
eine ruhige Weihnachtspause. Das kann ein böses Erwachen im neuen Jahr geben.
Allein Italien muss in den nächsten Monaten 180 Milliarden Euro refinanzieren,
ohne das Vertrauen der Anleger zu haben. Nicht nur Griechenland, auch Portugal
und Irland haben große Probleme, ihre Konsolidierungsziele zu erreichen. Über das
Ziel der Stabilität in Europa besteht zwischen uns und der Bundesregierung
kein Streit. Ob aber ihr Handeln der Stabilität dient oder vielmehr die
Stabilität gefährdet, das muss im Kern der öffentlichen
Auseinandersetzung stehen. Denn nichts ist 2011 stabiler geworden in Europa.
Die Krise hat sich im Gegenteil dramatisch beschleunigt, und ein Ende ist nicht
abzusehen.
Eine Vertragsänderung
mit schärferen Sanktionen gegen zukünftige Verschuldung ist notwendig, liefert
aber keinen ausreichenden Beitrag, um die akuten Probleme zu lösen. Das hat der
Gipfel vorgeführt. Hinzu kommt nun der hohe politische Preis, dass
Großbritannien ausschert. Die Gefahr ist eine Zersplitterung Europas, ohne dass
im Kern der Krise Besserung erreicht worden wäre.
Die große Täuschung,
mit der Merkel die Öffentlichkeit an der Nase herumführen will, betrifft die
Rolle der Europäischen Zentralbank, die dort handelt, wo die Regierungen
Handeln verweigern. Hier hat der Gipfel das absurde Theater fortgesetzt.
Während Deutschland behauptet, die Unabhängigkeit und Zurückhaltung der
Zentralbank bleibe unangetastet, geht Frankreich davon aus, die EZB übernehme
nun die zentrale Rolle als Bürge letzter Instanz. Alle Rettungsmechanismen, die
EFSF und der künftige ESM, sollen an die EZB gebunden werden. Wie genau, weiß
keiner. Merkel will das um jeden Preis verbergen. Nun sollen die Zentralbanken
den Umweg über den Internationalen Währungsfonds nehmen und dem IWF 200
Milliarden Euro geben, damit er auf den Anleihemärkten eingreifen kann. Die
Deutsche Bundesbank hat darauf mit einem beispiellosen Hilferuf an den
Bundestag reagiert. Aus dem Vorstand der Bundesbank wurde das Parlament
aufgefordert, diesen Deal aus dem Schatten der Heimlichtuerei herauszuholen und
mit einer klaren politischen Entscheidung abzusichern. Wir schließen uns dieser
Forderung an. Längst geht es bei der Krisenbewältigung nur noch darum, was die
Koalition in Deutschland aushält und was sie nicht aushält. Schwarz-Gelb bewegt
sich in einem Lügenlabyrinth. Weil die Koalition vor der Zerreißprobe steht,
wenn es um die europäische Haftungsgemeinschaft geht, schickt sie die
Zentralbank vor, um eine Vergemeinschaftung von Schulden durch die Hintertür zu
betreiben – ohne politische Kontrolle und demokratische Legitimation. Das ist
die Wahrheit hinter Merkels simulierter Politik.
Kein Wort hat der
Gipfel verloren über das wirtschaftliche Kernproblem einer Abwärtsspirale von
Schulden, Rezession und neuen Schulden. Kein Ökonom in Europa glaubt aber, dass
ohne Investitionsimpulse eine Umkehrung der Lage zu erreichen ist und die
Haushalte zu konsolidieren sind.
Tatsache ist auch,
dass ohne eine Lösung der Altschuldenprobleme keine tragfähige Entwicklung zu erreichen
ist. Länder wie Italien und Spanien müssen so hohe Zinsen auf die
Refinanzierung der Altschulden zahlen, dass es ihnen die Luft nimmt. Muss
Italien für seine bis April 2012 zu refinanzierenden alten Anleihen statt 4
Prozent künftig 7 Prozent zahlen, belastet das den italienischen Haushalt
zusätzlich mit 5,4 Milliarden Euro, und das bei sinkender Wirtschaftsleistung –
so schnell kann niemand die Renten kürzen, um da mitzuhalten. Das ist ein
sozialer Sprengsatz! Deshalb ist ein gemeinsamer europäischer
Schuldentilgungsfonds ein kluger Vorschlag. Er kann die Zinsen senken, aber die
langfristige nationale Tilgungsverpflichtung aufrecht erhalten. Das wäre ein
Signal des europäischen Zusammenhalts und würde die Sicherheit von
Staatsanleihen des Euroraums untermauern.
Euer
Holger
Ortel