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An die Mitglieder der SPD in den
Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburgund Cloppenburg/Vechta
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Berlin, 18. Januar 2011 |
Liebe Genossinnen und Genossen,
der Skandal um
dioxinverseuchte Futtermittel macht die Verbraucherinnen und Verbraucher
fassungslos – und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in Tschechien und
Polen, wo belastetes Schweinefleisch aus Deutschland ebenfalls in den Handel
gekommen ist. Aus Tschechien kommen inzwischen Klagen über die katastrophale
Informationslage. Niemand weiß derzeit, was er morgen essen soll. Man weiß nur,
was man gestern nicht hätte essen dürfen. Wer aber vergiftete Nahrungsmittel in
Umlauf bringt, handelt ganz einfach kriminell. Wie weit das offenbar geht,
zeigt die Tatsache, dass der betroffene Betrieb im Verdacht steht, mit falschen
Angaben seine Lieferbeziehungen verschleiert zu haben. Dadurch wurden auch
Wochen nach Aufdeckung der Praktiken noch Eier von Höfen verkauft, die
dioxinverseuchtes Futter verwendet haben. An dem ganzen Chaos sind die
politisch Verantwortlichen mitschuldig. CSU-Bundesministerin Ilse Aigner ist
für den Verbraucherschutz zuständig. Doch schon seit Monaten bleibt sie
untätig, fällt vor allem durch Versprechungen auf und stellt sich taub gegen
Verbraucherinteressen. Sie wird in den Medien zu Recht als
„Ankündigungsministerin“ tituliert. Aufgewacht durch den Dioxinskandal versucht
sie nun vom eigenen Versagen abzulenken, indem sie ultimative
Rücktrittsforderungen an die Parteifreunde von der Union in der niedersächsischen
Landesregierung stellt. Das ist hilfloser Aktivismus und inszenierte Empörung.
Verantwortung auf andere zu schieben, das ist der Skandal im Skandal. Zu fragen
ist auch, wo eigentlich die Parlamentarische Staatssekretärin Julia Klöckner
ist. Sie hat die Amtspflicht, das Parlament zu informieren, schwänzt aber eine
wichtige Anhörung im Ausschuss. „Gesund und sicher“, lautet ein Slogan auf der
Internetseite des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz. Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse grenzt das an
eine Verhöhnung der Menschen. Aber auch Schwarz-Gelb in Niedersachsen, wo es
Hunderte von Lebensmittelherstellern gibt, die das Dioxin verfüttert haben,
steht massiv unter Druck. Das Amt des Landwirtschaftsministers war verwaist,
als der Skandal aufgedeckt wurde. Denn die dortige CDU-Ministerin Astrid
Grotelüschen musste vergangenes Jahr wegen Verstrickung in Lobbyinteressen der
industriellen Landwirtschaft zurücktreten. Es ist Schwarz-Gelbe Lobby- und
Klientelpolitik, die die Menschen weiter verunsichert. Wenn in diesen Tagen die
Grüne Woche in Berlin beginnt, ist das Vertrauen zwischen Landwirtschaft,
Regierung und Verbrauchern wiederum schwer erschüttert. Wir brauchen einen
politischen Neuanfang auch in Berlin, der die Verbraucherinteressen ins Zentrum
rückt und eine nachhaltige Landwirtschaft durchsetzt. Nur so können deutsche
Hersteller auf lange Sicht in einem nationalen und internationalen Markt
sensibilisierter Kunden erfolgreich sein.
In dieser Woche beraten wir den
Jahreswirtschaftsbericht 2011. Die Bundesregierung und allen voran
Minister Brüderle werden auch hier Etikettenschwindel, Schönfärberei und
Problemverleugnung betreiben. Die deutsche Wirtschaft ist 2010 um 3,6 Prozent
gewachsen, nachdem sie im Krisenjahr zuvor um 4,7 Prozent eingebrochen war. Das
Vorkrisenniveau haben wir noch nicht wieder erreicht. Aber die Beschäftigung
ist in der Krise stabil geblieben, wächst wieder und kann in diesem Jahr die
Arbeitslosigkeit auf unter 3 Millionen senken. Im internationalen Vergleich
steht Deutschland damit sehr gut da. Das ist in der Tat ein Erfolg, der sich
seit Sommer 2009 abzeichnet. Er hat aber mit Schwarz-Gelb nichts, mit der über
Jahre verbesserten Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft hingegen sehr viel zu tun.
Vorausschauende Reformpolitik von Rot-Grün und energische Anti-Krisen-Politik
der Großen Koalition haben daran ihren Anteil. Das wirtschaftspolitische
Versagen von Schwarz-Gelb hingegen wird inzwischen vom Sachverständigenrat bis
zu den Wirtschaftsverbänden mehr oder minder einhellig und offen ausgesprochen.
Bei den Führungskräften der deutschen Wirtschaft steht die selbsternannte
Wirtschaftspartei FDP in einem desaströsen Ruf. Ihre Kompetenzwerte gehen gegen
Null. Und der Versuch von Merkel, bitter enttäuschte FDP-Wähler zur Union zu
ziehen, demonstriert einmal mehr, wie labil und handlungsunfähig die Koalition
inzwischen geworden ist. Das hat Gründe: Der Sachverständigenrat hat im Herbst
die vollkommen verlogenen Steuersenkungsversprechen von Schwarz-Gelb
angeprangert. Die von der Verfassung gebotene Rückführung der Verschuldung und
die Anforderungen an Zukunftsinvestitionen in Bildung, Technologie und
Infrastruktur seien schlichtweg nicht vereinbar mit weiteren Steuernachlässen
in zweistelliger Milliardenhöhe. Nicht nur das, bei Sozialabgaben,
Kommunalgebühren und bei Streichungen von Elterngeld belastet die Regierung
Merkel die Bürgerinnen und Bürger in 2011 noch zusätzlich. Schwarz-Gelb aber
kann die Wahllüge „mehr Netto vom Brutto“ nicht eingestehen. Es wäre die
Bankrotterklärung einer Koalition, die wirtschaftspolitisch nichts mehr zu
bieten hat. Statt peinlichem Selbstlob wäre es an der Zeit, die Weichen für das
vor uns liegende Jahrzehnt zu stellen.
Was wir heute an Erfolgen
sehen, ist das Ergebnis vergangener Anstrengungen. Wenn wir morgen erfolgreich
sein wollen, müssen wir heute neu anpacken. Wir müssen jetzt vorsorgen für die
Stärke unseres Landes in den vor uns liegenden Jahren. „Deutschland 2020“ – das
kann ein Land mit Vollbeschäftigung in guter, qualifizierter Arbeit sein, wo
nicht mehr Millionen von Menschen in den Niedriglohnsektor gedrängt und mit
ergänzender Sozialhilfe abgespeist werden. Es kann ein Land sein, das den
Wohlstand nicht als blinde Renditejagd auf Kosten von Beschäftigten und
Verbrauchern, sondern als ein nachhaltiges Wachstumsmodell begreift, das in der
Industrie Effizienztechnologie und Erneuerbare Energien zum Durchbruch bringt,
ein Land, in dem kreative Leistungen von Selbstständigen in Medien, Kultur und
Wissenschaft nicht mehr zu Dumpinghonoraren ausgebeutet, sondern angemessen
vergütet werden. Es kann ein Land sein, in dem jedes Kind, dessen Eltern es
wollen, einen Platz in einer hochwertigen Ganztagsschule findet. Ein Land, in
dem Männer und Frauen gleichberechtigt leben und arbeiten und gleiche Chancen
im Beruf finden. Dafür aber müssen wir die anstehenden Aufgaben erledigen. Wir
brauchen einen gesellschaftlichen Konsens für die immensen Investitionen, die
anstehen. Wir müssen die Mittel mobilisieren, um die soziale ebenso wie die
technische und bauliche Infrastruktur Deutschlands zu modernisieren. Wer wie
Schwarz-Gelb durch die Laufzeitverlängerung für alte AKW bis zu 7 Milliarden
Euro an kommunalen Investitionen in erneuerbare Energie blockiert, wer lieber
Steuerprivilegien an Vermögende ausreicht als in die Zukunft unserer Kinder zu
investieren, wer bei großen Infrastrukturvorhaben die Gesellschaft spaltet,
statt die Bürgerinnen und Bürger demokratisch zu beteiligen und zu überzeugen,
der lebt und zehrt von der Substanz unseres Landes. Der schleichende Verfall
von Kommunen, Verkehrswegen oder die Blockade des Ausbaus der Stromnetze ist
eine Gefahr. Die SPD entwickelt einen Infrastrukturkonsens, der Deutschland auf
die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet.
Wir beraten in dieser Woche
außerdem in 1. Lesung über die Verlängerung des Bundeswehr-Einsatzes in
Afghanistan. Wie schon bei der letzten Verlängerung zu Beginn des Jahres
2010 haben wir uns auch dieses Mal intensiv auf die anstehende Entscheidung
vorbereitet. Am 14. Dezember fand im Willy-Brandt-Haus bereits die zweite große
Afghanistan-Konferenz statt. Das zur Konferenz vorgelegte Positionspapier von
Sigmar Gabriel und mir ist in der Partei in den letzten Wochen intensiv
diskutiert worden, der Parteivorstand hat es in der letzten Woche einstimmig
beschlossen. Nun liegt es an der Fraktion zu entscheiden, wie wir mit dem
inzwischen vorliegenden Mandatsantrag der Bundesregierung umgehen.
Ich stelle fest, dass es uns
auch dieses Mal gelungen ist, wesentliche unserer Forderungen durchzusetzen.
Nachdem die Bundesregierung uns vor Jahresfrist noch beschimpft hat, als wir
eine Beendigung des Einsatzes im Korridor 2013-2015 gefordert haben, redet sie
jetzt selbst vom Jahr 2014 als Zieldatum – und mit ihr die gesamte NATO. Auch
dass das Jahr 2011 als Datum für den Beginn des Rückzuges im Mandat erscheint,
können wir eindeutig als Erfolg verbuchen. Die Bundesregierung hingegen hat in
den letzten Tagen und Wochen ein Bild der Zerstrittenheit abgegeben und dadurch
Verunsicherung geschaffen. Vor allem Verteidigungsminister zu Guttenberg ist
durch immer neue Störmanöver aufgefallen. Nun scheint es auch noch Streit über
einen möglichen AWACS-Einsatz der Bundeswehr zu geben. Auswärtiges Amt und
Verteidigungsministerium sind in einer so schwierigen und sensiblen Frage wie
dem Afghanistan-Einsatz wie nie zuvor zerstritten. Statt Appelle an die
Opposition zu richten, sollten Westerwelle und zu Guttenberg sich erst einmal
unter einander einig werden. Bis zur Mandatsentscheidung in der kommenden Woche
erwarten wir Klarheit, was die Bundesregierung will.
Euer
Holger Ortel