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An die Mitglieder
der SPD in den Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburg und
Cloppenburg/Vechta |
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Berlin,
21. November 2011 |
Politischer Bericht vom 21. November 2011
I.
Zur Lage
Liebe
Genossinnen und Genossen,
die
von einer rechtsterroristischen Gruppe verübten Morde zählen zu den schwersten
Verbrechen, die die Bundesrepublik erlebt hat. Sie markieren einen Einschnitt.
Jede Form der Verharmlosung von rechtsextremistischen Straftaten ist spätestens
jetzt diskreditiert. Niemand kann mehr den Versicherungen Glauben schenken,
dass es organisierten rechten Terror in Deutschland gar nicht gebe. Mit
Entsetzen stehen wir vor den Taten junger Deutscher, die über viele Jahre
hinweg mit menschenverachtendem Eifer gemordet haben. Sie haben mit kaum
vorstellbarer Grausamkeit Menschen erschossen, weil sie nicht deutscher
Herkunft waren. Sie waren organisiert, sie waren vernetzt, sie hatten
Helferinnen und Helfer. Sie kamen aus einem Umfeld, in dem rassistische
Ideologie zum guten Ton gehört. Und auch das ist schreckliche Gewissheit: Sie
konnten über viele Jahre unbehelligt rauben und morden, obwohl sie dem
Verfassungsschutz bekannt waren. Der Staat konnte die Opfer nicht schützen.
All
das macht uns fassungslos. Aber es darf uns nicht sprachlos machen: Die
Aufklärung der Taten, der rechten Netzwerke und des Versagens der
Verfassungsschutzämter ist jetzt die erste Pflicht. Wir können nicht davon
ausgehen, dass heute schon alles bekannt ist, was wir wissen müssen. Deshalb
fordert die SPD-Bundestagsfraktion zuallererst die rückhaltlose und öffentliche
Aufarbeitung der rechtsterroristischen Mordserie. Was ist geschehen? Wer war
beteiligt? Was wussten die Ämter? Was ist bei Verfassungsschutz und Polizei
schief gelaufen? Vor allem die Angehörigen der Opfer haben ein Recht auf
Antworten. Die Aufklärungsarbeit muss jetzt einher gehen mit einem starken
Zeichen der Solidarität und des Mitgefühls für die getroffenen Familien. Dazu
gehört meines Erachtens ein Trauerakt der höchsten Staatsorgane. Die Fähigkeit
zu trauern gehört zur Aufarbeitung der Verbrechen.
Die
Mordserie ist ein Angriff auf unsere ganze Gesellschaft und auf unsere
demokratische Lebensform. Es ist der Moment, in dem wir unsere höchste
Verfassungsnorm, die Achtung und den Schutz der Menschenwürde, konkret
verteidigen müssen. Wichtig ist jetzt, dass wir unsere Sprache als Demokraten
wiederfinden. Es ist unerträglich, wenn in den Medien tagelang unwidersprochen
von so genannten „Döner-Morden“ die Rede ist. Solche Worte sind verräterisch.
Mit ihnen wird – ob bewusst oder nicht – unterstellt, die Taten und die Opfer
hätten mit uns nichts zu tun. Aber das Ungeheuerliche ist nicht außerhalb der
Stadtmauern, außerhalb unseres Gemeinwesens geschehen. Es geschah in der Mitte
unserer Gesellschaft.
Die
Aufhellung der Straftaten wird Folgen haben müssen. Wir müssen entscheiden, wie
wir die Aufklärung des organisierten Rechtsextremismus und die Verhütung von
Verbrechen sicherstellen können. Wir müssen die Rolle der NPD bewerten, die als
Schutzraum und als legale Infrastruktur dient, um verfassungsfeindliche Taten
ideologisch vorzubereiten und den Tätern im Halbschatten des rechten Umfelds
Unterstützung zu geben. Die NPD hat sich dem aggressiven Kampf gegen unsere
Demokratie und gegen die Grundrechte unserer freiheitlichen Ordnung
verschrieben. Trotzdem erhält sie Gelder aus öffentlichen Kassen. Hier nähren
sich die Feinde der Demokratie an den Ressourcen des Staates, den sie zerstören
wollen. Erst ein Verbot der NPD kann diese rechtsextremistische Strategie unterbinden.
Wir werden die Rolle von V-Leuten im Zusammenhang mit der rechtsterroristischen
Gruppe aufklären müssen. Wir werden entscheiden müssen, wo V-Leute nichts
nutzen.
Ein
neues NPD-Verbotsverfahren darf nicht daran scheitern, dass einzelne Länder die
V-Leute ihrer Verfassungsschutzämter nicht aus den Führungszirkeln der NPD
zurückziehen. Wenn Angela Merkel das NPD-Verbot will, muss sie auch die
CDU/CSU-geführten Länder auf eine gemeinsame Handlungsweise verpflichten.
Eines
dürfen wir bei allen Diskussionen über Strafverfolgung und Verbote niemals
vergessen: Den Anfängen rechtsextremer Gewalt können wir nur wehren, wenn die
Bürgergesellschaft stark wird und sich zusammenschließt im Kampf gegen die
Demokratiefeinde. In den vergangenen Jahren sind viele zivilgesellschaftliche
Initiativen entstanden, die in den Kommunen gegen Ausländerfeindlichkeit und
rechtsextreme Ideologie aktiv sind. Sie verdienen unsere Ermutigung und
Unterstützung. Denn im Alltag und unabhängig von Schlagzeilen wehren sie sich
gegen die Angst, die Rechtsextreme verbreiten. Sie sind auf der Straße und auf
den Plätzen, um den öffentlichen Raum für die Demokratie zurückzugewinnen. Sie
gehen in Schulen und Vereine, um aufzuklären. Ermutigung und Unterstützung hat
auch mit Geld zu tun. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Initiativen weiter
machen können.
In dieser Woche beraten wir abschließend den Bundeshaushalt
2012. Wir fordern die Bundesregierung auf, ihre Vorlage zu überdenken und die
Kürzung der Mittel für Extremismusprävention rückgängig zu machen. Wir wollen,
dass die Mittel auf 30 Millionen Euro erhöht werden. Auch die Kürzung von 2,3
Millionen Euro zu Lasten der Bundeszentrale für politische Bildung muss
rückgängig gemacht werden. Wir fordern darüber hinaus, die Bundeszentrale mit
1,2 Millionen Euro zusätzlich auszustatten. Statt der Bundeszentrale das Leben
schwer zu machen und bürokratische Steine in den Weg zu legen, brauchen wir
jetzt die volle Rückendeckung für die politische Bildungsarbeit.
Wir
haben viele Fragen aufzuklären und viele Konsequenzen aus der Mordserie zu
ziehen. Aber schon in dieser Woche können wir mit der besseren finanziellen
Ausstattung des zivilgesellschaftlichen Engagements einen Anfang machen. Dieses
Signal ist politisch von überragender Bedeutung.
Wir
sagen den Feinden der Demokratie sehr klar: Wir werden uns zu wehren wissen.
Deutschland aber bleibt ein weltoffenes Land.
Euer
Holger Ortel