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An die Mitglieder der SPD in den
Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburgund Cloppenburg/Vechta
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Berlin, 22. März 2011 |
Politischer Bericht vom 22. März 2011
I. Zur Lage
Liebe Genossinnen und Genossen,
das Ergebnis der Landtagswahl
in Sachsen-Anhalt spricht eine klare Sprache. Ausgangspunkt war eine Große
Koalition, in der die CDU und die SPD gemeinsam Verantwortung trugen. Bei
gestiegener Wahlbeteiligung haben die Bürgerinnen und Bürger die CDU, die 3,7
Prozentpunkte verliert, sehr deutlich geschwächt. Die SPD hingegen ist stabil
geblieben, mit einer ganz leichten Tendenz nach oben. Die gute Arbeit von Jens
Bullerjahn hat Anklang und Anerkennung gefunden. Wir gewinnen zwei Abgeordnete
im neuen Landtag hinzu. Insbesondere konnten wir 38.000 Stimmen von vormaligen
Nichtwählern für die SPD mobilisieren. Hingegen scheitert die FDP nach
erheblichen Verlusten an der 5-Prozent-Hürde. Im Fazit geht Rot-Grün gestärkt
aus diesen Wahlen. Schwarz-Gelb aber verliert 7,5 Prozentpunkte. Damit setzt
sich der Abwärtstrend der Merkel-CDU fort.
Sie hat nun seit 2009 bei
sieben Landtagswahlen Boden verloren.
In Hamburg sogar mit einem
Erdrutschverlust von Minus 20,7 Prozentpunkten.
Mit diesem Rückenwind gehen wir
in die letzten Tage vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland
Pfalz am 27. März. Wir kämpfen dafür, dass Kurt Beck seine erfolgreiche Arbeit
fortsetzen kann. Wir kämpfen dafür, dass Schwarz-Gelb auch in Stuttgart stürzt
und dass mit einer rot-grünen Mehrheit der Weg frei wird für einen neuen
politischen Stil. Arroganz, Mauschelei, Vetternwirtschaft, Verschwendung von
Steuerngeldern und nicht zuletzt eine unbelehrbare Atompolitik müssen auch in
Baden-Württemberg ein Ende finden. Wir wollen mit Mut und Entschlossenheit die
Energiewende vorantreiben, die gerade für den Industriestandort im Süd-Westen
Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und eine gute Zukunft für gute Arbeit bringt.
Deutschland steht in der
Atomfrage vor einer historischen Weichenstellung.
Mit der Katastrophe im japanischen
Fukushima ist die Atomära zu Ende gegangen. Noch kämpfen die Krisenhelfer in
Fukushima um die Kontrolle der sechs havarierten Reaktoren. Der drohende
Austritt von radioaktivem Dampf, Nachrichten von atomar verseuchtem Meerwasser,
von kontaminierten Lebensmitteln, von erhöhter Strahlung im Trinkwasser der
35-Millionen-Metropole Tokio zeigen, dass sich die Welle der Sorge und
Verunsicherung fortsetzt. Der Widerstand wird in vielen Ländern wachsen, auch
dort, wo die Regierungen heute noch auf den Ausbau der Kernkraft setzen.
Deutschland kann vorangehen und beweisen, dass die viertgrößte
Wirtschaftsnation der Erde den Ausstieg schafft. Jetzt geht es um die
politische Richtung: Entweder kettet Schwarz-Gelb unser Land weiter über Jahre
und Jahrzehnte an eine unverantwortbare, unmenschliche, von Menschen im
Ernstfall nicht beherrschbare atomare Technologie. Oder wir schaffen den
Durchbruch in ein neues Energiezeitalter. Ernst-Ulrich von Weizsäcker sagt zu
Recht: Effizienz ist die Brücke zu den Erneuerbaren Energien. Ein kraftvoller
Investitionsschub in die Effizienztechnologie und in den Ausbau der
Erneuerbaren Energien kann in den kommenden Jahren die Wende bringen. Wir
können den Atomausstieg beschleunigen. Deutschland 2020 – das kann ein Land
ohne Atomkraftwerke sein. Auch darum geht es bei den Wahlentscheidungen.
Merkel und Mappus fehlt alles,
um diese Wende zu gestalten. Sie sind haltlos und haltungslos. Sie haben kein
Vertrauen bei den Menschen. Jahrelang haben sie Atomkraft und
Laufzeitverlängerung gewollt. Jetzt simulieren sie Bußfertigkeit. Das ist
verlogen. Schwarz-Gelb schlingert und täuscht die Bürger in einer
existenziellen Frage. Der CDU fehlt Glaubwürdigkeit, Orientierung, Kraft,
Entschlossenheit – und es fehlt ihr an Rechtsbewusstsein. Merkels „Moratorium“,
das ein vom Bundestag beschlossenes Gesetz zur Laufzeitverlängerung de facto
außer Kraft setzt, um einige alte Atommeiler für drei Monate vom Netz zu
nehmen, ist politischer Betrug am Wähler und ein Verstoß gegen die Verfassung.
Nur ein neues Gesetz des Deutschen Bundestages kann ein altes Gesetz außer
Kraft setzen. Deshalb bringen wir in dieser Woche ein Abschaltgesetz ein. Das
ist die Probe auf politische Ehrlichkeit und Treue zur Verfassung. Wer wirklich
abschalten will, muss dem Gesetz zustimmen. Wer es nicht tut, will nur Wahlen
überstehen. Die Energiewende ist keine Kleinigkeit. Sie ist eine der
umfassendsten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformationen, die
Deutschland je zu stemmen hatte. Dabei verbietet sich jeder nervöse und
handstreichartige Politikstil. Wir brauchen gute Konzepte mit Blick auf das
ganze Jahrzehnt. Wir müssen riesige Investitionssummen mobilisieren. Wir dürfen
nicht nur Eliten, wir müssen der ganzen Gesellschaft eine nachhaltige
Lebensweise ermöglichen. Nur dann hat der Umbau Erfolg. Wir brauchen für die
unausweichlichen Kosten einen sozial-ökologischen Lastenausgleich. Wir müssen
einen neuen Konsens schaffen für den Bau der erforderlichen Infrastruktur.
Investitionspakt, Lastenausgleich und Infrastrukturkonsens erfordern eine neue
politische Kultur der Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit. Schwarz-Gelb
ist dazu nicht mehr in der Lage.
Wie unaufrichtig, unstet und
getrieben die Regierung Merkel inzwischen reagiert, zeigt seit mehr als einem
Jahr die Eurokrise. Das Versagen des Systems Merkel ist offenkundig.
Erstens sagt Schwarz-Gelb nicht die Wahrheit. Schon vor den Landtagswahlen in
Nordrhein-Westfalen 2010 hat Merkel über Monate den Eindruck erwecken wollen,
dass Griechenland keine Hilfe braucht und Deutschland nichts gibt. Dann hat sie
Knall auf Fall das Parlament überrumpelt, um zuerst Nothilfe für Griechenland
und – kaum waren die Wahllokale geschlossen – einen noch größeren
Rettungsschirm für die gesamte Eurozone zu beschließen. Zweitens hat Schwarz-Gelb
keine Antwort auf die wirklichen Ursachen der Eurokrise. Was den Zusammenhalt
Europas bedroht, ist nicht allein eine Staatsschuldenkrise. Es ist mit genau so
großer Wucht eine Krise der Banken und der Finanzmärkte. Das leugnen Merkel und
Westerwelle in einer Kontinuität der Unbelehrbarkeit. Sie verschleppen eine
Umsatzsteuer auf Finanzgeschäfte, die Finanztransaktionssteuer, sie verwirren
alle Beobachter und Marktakteure über die Gläubigerbeteiligung, sie blockieren
eine Finanzmarktkontrolle, die Zähne hat.
Das Ergebnis? Es zahlen die
Arbeitnehmer mit ihren Steuern fortgesetzt die Zeche der irrelaufenden
Kapitalmärkte. Das ist es, was Schwarz-Gelb verbergen will. Dieses
Merkel-Muster setzt sich auch dieses Jahr fort. Und wieder erwarten wir diese
Woche, wenige Tage vor Landtagswahlen, eine Regierungserklärung und einen
Europagipfel, der über die Stabilität des Euro entscheiden soll. Um die
deutsche Öffentlichkeit zu beruhigen, lancierte Merkel einen so genannten „Pakt
für Wettbewerbsfähigkeit“, der vor allem überschuldete Länder disziplinieren
sollte. In Europa ist sie damit vollständig gescheitert. Was als „Pakt für den
Euro“ jetzt noch auf der europäischen Tagesordnung steht, sind unverbindliche
Allerweltsweisheiten, die auch vorher schon Leitlinie waren. Ernst, verbindlich
und sicher ist nur, dass Deutschland mehr zahlen muss. Die Bürgschaften für den
Rettungsschirm steigen noch einmal. Für den permanenten Krisenmechanismus ab
2013 muss Deutschland 22 Milliarden Euro direkt zur Verfügung stellen. Und
alles das, ohne die Krisenursachen an der Wurzel zu packen! Merkels Versagen
kommt nicht nur Deutschland teuer zu stehen. Auch Europa kommt nicht aus der
Abwärtsspirale heraus. Keine neue Hoffnung auf Wachstum und Beschäftigung in
den Krisenländern, keine Zuversicht, dass die Europäische Union als Ganzes
stärker wird. Trotz aller Beteuerungen: Die Merkel-CDU glaubt nicht an Europa.
Es ist erschreckend, mit welcher unseriösen und kurzsichtigen Taktiererei diese
Partei grundlegende Zukunftsfragen behandelt
Diesen Schluss müssen wir
letzten Endes auch aus dem Verhalten der CDU-geführten Bundesregierung in der Libyenfrage
ziehen. Vergangene Woche hat der UN-Sicherheitsrat ein Mandat zur
Einrichtung einer Flugverbotszone und zum Schutz der Zivilbevölkerung vor
Angriffen des libyschen Diktators Gaddafi beschlossen. Deutschland hat sich
enthalten. Seit dem Wochenende fliegen die USA, Frankreich und Großbritannien
Lufteinsätze gegen Gaddafis Armee. Die Bundesregierung will sich daran nicht
beteiligen. Die militärische Intervention in einem Land, das an der Schwelle
zum Bürgerkrieg steht, ist eine schwerwiegende Entscheidung von großer
Tragweite. Humanitäre Motive sind gegen realistische Optionen und Folgerisiken
abzuwägen. Niemand sollte hier leichtfertig urteilen. In jedem Fall aber ist es
zwingend, eine gut überlegte und überzeugende politische Strategie zu
formulieren. Was wollen und was können wir in Libyen erreichen? Hier bleiben
nahezu alle Fragen offen. Die Opposition wird diese Fragen stellen. Denn die Bundesregierung
erweckt den Anschein, dass sie den Blick allein auf innenpolitische Debatten
fixiert, im naiven Glauben, es reiche schon, nicht mitzumachen. So trägt Merkel
zur Verwirrung unserer internationalen Bündnispartner bei, die nicht mehr
wissen, wofür wir eigentlich stehen. So droht Deutschland ins Abseits zu
geraten, wo es darum geht, die NATO handlungsfähig zu erhalten.
Die Bundesregierung kündigt an,
noch in dieser Woche ein neues AWACS-Mandat vorzulegen, damit deutsche Kräfte
nun in Afghanistan für Entlastung sorgen können. Wir werden dieses Mandat
offen, aber intensiv und kritisch prüfen.
Nicht nur Libyen fordert uns.
Auch im Jemen und in Syrien nehmen die Proteste zu. Was die Bundesregierung
vermissen lässt, ist ein Bewusstsein ihrer historischen Verantwortung. Vor
allem fehlt das politische und diplomatische Gewicht Deutschlands, wo ein
neues, politisch tragfähiges Konzept Europas für eine Nachbarregion im Umbruch
entstehen muss. In vielen arabischen Ländern nehmen die Menschen allen Mut zusammen,
um offen für das Ende der Diktatur und für die Freiheit zu demonstrieren. Der
Bann der Autokratie scheint gebrochen. Eine Zeitenwende vollzieht sich vor
unseren Augen. Wir brauchen nicht weniger als einen europäischen Marshallplan
für den neuen Nahen Osten, der die Kräfte der Demokratie stärkt und die
Hoffnung bekräftigt, dass die wirtschaftliche und soziale Entwicklung eine
bessere Zukunft verheißt.
Euer
gez. Holger Ortel