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An die Mitglieder der SPDund
Cloppenburg/Vechta in den Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis
Oldenburg |
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Berlin, 25. Januar 2011 |
Politischer Bericht vom 25. Januar 2011
I. Zur Lage
Liebe Genossinnen und Genossen,
die schwarz-gelbe Koalition war
in der vergangenen Verhandlungsrunde zur Neugestaltung von Hartz IV noch
nicht in der Lage, die notwendigen Verbesserungen bei den Regelsätzen und bei
der Zeit- und Leiharbeit voranzubringen. Dennoch sind wir nach hartem Druck von
unserer Seite in einem wichtigen Punkt weiter gekommen: Wir haben uns
durchgesetzt mit unserer Forderung, dass die Kommunen das Bildungspaket in
eigener Regie umsetzen, mit voller Erstattung der Leistungen durch den Bund,
einschließlich einer Verwaltungskostenpauschale. Das ist ein Durchbruch bei den
geplanten Bildungshilfen für die über 2,1 Millionen Kinder von
Langzeitarbeitslosen. Wir werden jetzt schnell auf die Kommunalen
Spitzenverbände zugehen, um die Umsetzung dieser Beschlüsse konkret zu
besprechen.
Bei den unzureichenden
Regelsätzen für Langzeitarbeitslose konnte die Regierungskoalition noch keine
substanzielle Antwort auf unsere Vorschläge geben. Auch die Gefahren des
systematischen Lohndumpings, die dazu führen, dass Arbeit sich im Vergleich zu
Sozialleistungen nicht lohnt, haben
2 nicht alle Beteiligten der Koalition schon verstanden. Unverzichtbar
bleiben für uns auch substanzielle Fortschritte beim Mindestlohn und bei der
Maxime „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ in der Zeit- und Leiharbeit. Hier ist
die schwarz-gelbe Koalition bislang nicht entscheidungsfähig. Die Verhandlungen
verzögern sich, weil die Koalitionäre untereinander nicht einig sind. Wir
werden weiter Druck machen für die arbeitsmarkt- und sozialpolitisch
notwendigen Fortschritte bei leistungsgerechten Löhnen. Die
Regierungskoalitionen sind jetzt aufgefordert, sich bis zur Fortsetzung der
Verhandlungen am 6. Februar zu bewegen und ihre eigenen Positionen, auch
untereinander, zu klären.
Der nach wie vor desolate
Zustand der Regierung wird inzwischen auch durch die Fehlleistungen zu
Guttenbergs verursacht. Ob es der Todessturz einer Kadettin aus der
Takelage der „Gorch Fock“ im November 2010, der Tod eines Hauptgefreiten in
Afghanistan durch einen Kopfschuss aus der Pistole eines Kameraden im Dezember,
geöffnete Feldpostbriefe von Soldatinnen und Soldaten oder der Umbau der
Bundeswehr ist – der öffentlich zelebrierte Aktionismus des
CSU-Verteidigungsministers wirft immer mehr Fragen auf. Denn immer wieder geht
er einher mit falschen, unvollständigen oder irreführenden Informationen vor
dem Parlament. Immer wieder ist zu Guttenberg voreilig, immer wieder verwickelt
er sich selbst und sein Ministerium in Widersprüche und sucht dann die Flucht
nach vorn mit abrupten, mangelhaft begründeten Wendemanövern und Bauernopfern.
Als vor Weihnachten, am 17.
Dezember, ein Soldat in Afghanistan zu Tode kam und am Tag darauf
Bundeskanzlerin Merkel und Verteidigungsminister zu Guttenberg die Bundeswehr
in Kundus besuchten, ließ die Bundesregierung den Eindruck zu, es handle sich
um einen selbstverschuldeten Unfall. Die Obleute des Bundestages bekamen im
Dezember die Auskunft, ein Soldat sei tot „aufgefunden“ worden mit einem
Kopfschuss, der sich beim Waffenreinigen gelöst habe. Heute wissen wir, dass
dies eine eklatante Fehlinformation war. Schon bei der Unterrichtung im
Dezember lag ein Feldjägerbericht vor, der zu einem alarmierenden Ergebnis
kommt: Der Soldat starb durch den Schuss eines Kameraden, beim fahrlässigen
Spielen mit der Waffe. Mehrere Soldaten waren Zeugen des Vorfalls. Kannte der
Minister diesen Bericht im Dezember? Übersah er die Tragweite? Und wenn dem so
ist, warum wurden Bundestag und Öffentlichkeit mit irreführenden Auskünften
abgespeist? Noch am Mittwoch vergangener Woche konnte der Parlamentarische
Staatssekretär im Verteidigungsministerium dem Bundestag dazu keine klare
Aussage machen.
Es ist kein Einzelfall. Am
vergangenen Freitag verkündete zu Guttenberg vom Rednerpult des Bundestages zu
den Vorgängen auf der Gorch Fock: Man müsse zuerst aufklären, dann bewerten und
schließlich die Konsequenzen ziehen. Es dürfe keine Vorverurteilungen aufgrund
irgendwelcher Mutmaßungen geben. Nur Stunden später am selben Tag fiel der
plötzliche Beschluss, den Kommandanten der Gorch Fock von seiner Aufgabe zu entbinden.
Dieses Muster wiederholt sich. Schon bei der ebenso plötzlichen Entlassung von
Generalinspekteur Schneiderhan und Staatssekretär Wichert im Zuge der
Kundus-Affäre schob zu Guttenberg Untergebenen die Schuld zu, als er selbst
unter Druck geriet. Wir sehen einen getriebenen, einen nervösen, einen kaum
berechenbaren Minister, der, wie der ehemalige Generalinspekteur Harald Kujat
sagt, gegen die Prinzipien der Inneren Führung verstößt, wonach Beschuldigte
erst anzuhören sind, bevor man Entscheidungen fällt. Ein Minister, der nicht in
der Sache urteilt, sondern aus Furcht vor seinem persönlichen Imageschaden
reagiert.
Der Bundesregierung muss
bewusst sein, dass zu Guttenberg nicht dazu beiträgt, eine stetige und
Vertrauen schaffende Politik zu entwickeln. Das zeigt nicht zuletzt die Chaotisierung
der Bundeswehrreform und der zutiefst unseriöse Umgang mit der Frage der
Finanzierung der Bundeswehr. Die Zukunft der Bundeswehrstandorte ist völlig
offen und ungewiss. Die Reform wurde erst mit einem Sparbeitrag von 8,3
Milliarden Euro begründet. Dann hat der Minister wissen lassen, dass mit einem
Umfang von 180.000 Soldaten dieser Sparbeitrag, für den er sich selbst in
höchsten Tönen gelobt hatte, nicht zu erbringen sei – um nebenbei
nachzuschieben, dass auch mit dem Minimalumfang von 160.000 Soldaten die
Einsparungen nicht zu schaffen gewesen wären. Inzwischen will zu Guttenberg gar
nicht mehr sparen und fordert jetzt sogar laut Medienberichten bis zu 1,2
Milliarden Euro mehr, um die Reform umzusetzen. Dieser CSU-Verteidigungsminister
verunsichert die Bürger ebenso wie die Truppe und befremdet das Parlament durch
hochfahrende Kaltschnäuzigkeit, durch widersprüchliche Aussagen und durch
plötzliche Kurswechsel. Dieses Verhalten schadet der Konsensbildung in den äußerst
sensiblen Fragen der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Zu Guttenberg
schadet damit auch der Vertrauensbildung, die für eine breite parlamentarische
Zustimmung zur neuen Afghanistan-Strategie unverzichtbar ist.
Am Freitag dieser Woche
entscheidet der Deutsche Bundestag erneut über den Bundeswehr-Einsatz in
Afghanistan.
Zur Abstimmung steht die
Verlängerung des Mandats für die Beteiligung Deutschlands an der
internationalen Schutztruppe ISAF (International Security Assistance Force) um
ein Jahr. Dabei geht es jetzt um die Verwirklichung des von der SPD und der
SPD-Bundestagsfraktion seit 2009 entwickelten, geforderten und politisch
durchgesetzten Strategiewechsels in Afghanistan. Es geht um die mit den
internationalen Bündnispartnern abgestimmte Beendigung der Mission bis 2014 und
um den Beginn des Truppenrückzugs im laufenden Jahr. Wir nehmen zur Kenntnis,
dass die Bundesregierung im vorliegenden Mandat nicht nur die Zuversicht
äußert, noch im Jahr 2011 mit dem Rückzug des deutschen ISAF-Kontingents zu
beginnen, sondern sich auch verpflichtet, „jeden sicherheitspolitischen
Spielraum für eine frühestmögliche Reduzierung“ zu nutzen. Dies steht im
Einklang mit den Planungen der NATO. In Kenntnis der von Präsident Obama
mehrfach bekräftigten Absicht, mit dem Rückzug der US-Truppen im Juli 2011 zu
beginnen, gehen wir davon aus, dass in diesem Jahr auch der Rückzug der
Bundeswehr beginnt. Um es klar zu sagen: Die Bundesregierung muss liefern! Wenn
der Rückzug nicht in 2011 beginnt, kann die Bundesregierung mit unserer
Zustimmung zu einer weiteren deutschen Beteiligung an ISAF nicht mehr rechnen.
Bereits Anfang dieses Jahres
muss die schrittweise Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die afghanischen
Partner eingeleitet werden. Im Verlaufe dieses Jahres, spätestens aber bis zur
Bonner Afghanistan-Konferenz im November 2011, muss die Bundesregierung einen
konkreten Fahrplan zur weiteren Übergabe der Sicherheitsverantwortung und zur
Beendigung der Beteiligung der Bundeswehr an Kampfeinsätzen in Afghanistan im
Jahr 2014 vorlegen und mit der afghanischen Regierung wie mit den
internationalen Partnern abstimmen. Unter diesen Voraussetzungen und mit diesen
Erwartungen, die wir in einem ergänzenden Entschließungsantrag noch einmal im
Klartext formuliert haben, können wir dem vorliegenden Mandat zustimmen.
Der Bundesregierung muss jedoch
klar sein, dass die Verabschiedung des neuen ISAF-Mandates nicht ausreicht, um
den Konflikt in der Region zu lösen. Wer nach der Abstimmung im Bundestag die
Hände in den Schoß legt und abwartet, wird der großen internationalen
Verantwortung unseres Landes nicht gerecht. 2011 muss das Jahr der Diplomatie
werden. Deutschland muss mehr tun und politisch aktiv werden. Die
Mitgliedschaft Deutschlands im UN-Sicherheitsrat ist eine große Chance für neue
Initiativen zur Stabilisierung der Region. Es gilt, befreundete Staaten und
potentielle Bündnispartner für eine längerfristige wirtschaftliche und
politische Unterstützung Afghanistans zu gewinnen. Auch die Gastgeberrolle
Deutschlands bei der internationalen Afghanistan-Konferenz im November 2011
darf nicht ungenutzt bleiben. Wir brauchen zur politischen Lösung des
innerafghanischen Konflikts unter anderem auch die Einbeziehung von Personen
und Gruppen der afghanischen Zivilgesellschaft.
Euer
Holger Ortel