HOLGER ORTEL

 

MITGLIED DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES

PLATZ DER REPUBLIK 1, 11011 BERLIN

 

 

An alle

Mitglieder der SPD

in den Bundestagswahlkreisen

Delmenhorst/Wesermarsch/Oldenburg Land

und Cloppenburg/Vechta

 

Politischer Bericht vom 29. Juni 2010

 

In dieser Woche wählt die Bundesversammlung den zehnten Präsidenten der

Bundesrepublik Deutschland. Die Parteien der schwarz-gelben Koalition verfügen über

eine klare Mehrheit. Wenn es dennoch Zweifel in ihren Reihen gibt, ob die Parteiführungen

von Union und FDP den richtigen Bewerber unterstützen, dann liegt es daran,

dass der Koalition die Kraft fehlte, einen wirklich unabhängigen und überparteilichen

Kandidaten aufzustellen. Die ängstliche und engherzige parteipolitische Lösung wird

weder der gegenwärtigen politischen Lage unseres Landes gerecht, noch überzeugt sie

die Mehrheit der deutschen Bevölkerung. In einer Zeit aber, in der Enttäuschung und

Verunsicherung über die Politik wachsen, brauchen wir einen Bundespräsidenten,

der sich gerade nicht passgenau in irgendein koalitionstaktisches Kalkül fügt, sondern

Kraft seiner Persönlichkeit niemanden schont, vielmehr überzeugend und gewinnend die

Grundsatzfragen unseres Gemeinwesens aufgreift.

Die Kandidatur von Joachim Gauck hat etwas verändert in unserer Republik. Sie hat

Hoffnungen wach gerufen und so etwas wie eine Demokratiebewegung angestoßen.

Gauck hat viele Menschen berührt. Und zwar unabhängig von ihrem Alter, ihrer Herkunft,

geschweige denn von ihrer Parteizugehörigkeit Die ostdeutsche Schriftstellerin Katja

Lange-Müller schrieb, Joachim Gauck habe in ihr das Bedürfnis nach Demokratie

geweckt: Seine Worte, „freie, ehrliche, ermutigende Worte sind nötig“. „Demokratie

garantiert uns ja nicht bloß einfach eine Art Nutzungsrecht, sie verlangt vielmehr, dass wir

unsere Verantwortung wahrnehmen, dass wir sie entwickeln, weiterentwickeln, auch

und besonders in Krisen. Dies immerhin habe ich mittlerweile gelernt, nicht zuletzt von

einem wie Gauck, dessen Nominierung, ebenso wie die Zustimmung, die sie allenthalben

findet, nichts anderes darstellt als einen kleinen Sieg der Demokratie.“

 

In der Tat hat die Kandidatur schon n jetzt mehr erreicht, als mancher Politikverddrossene

glauben wollte, denn sie verd deutlicht, dass die Wahl zum Bundespräside enten keine

im Voraus ausgeknobelte Sach che ist.

 

Die Klarheit, mit der Joachim Gauck die Freiheit in den Mittelpunkt stellt uund die

Angst überwinden will, die dem m Gebrauch der Freiheit entgegen steht, hat auch viele

Liberale überzeugt. Es waren junge FDP-Mitglieder, die im Internet eine Unnterstützerkampagne

für Gauck ins Leben n gerufen haben. Unabhängige Konservative wie Kurt

Biedenkopf und Richard von Weizsäcker wiederum haben ein untrüglichees Gespür für

die Chance, dass ein Bundesp präsident von diesem Format das Vertrauen in n unsere Verfassungsordnung

und den Respspekt für ihre Institutionen wiederbelebt. Desh shalb haben

sie öffentlich gefordert, diese WWahl nicht zur Stabilisierung der schwarz-ge elben Koalition

zu instrumentalisieren, den n Fraktionszwang ausdrücklich aufzuheben u und die

Stimmabgabe für jede Frau undd jeden Mann in der Bundesversammlung frei zzu geben.

Wir haben keinen Zweifel, Joa achim Gauck ist für unser Land der bessere PPräsident.

Und wir werben für ihn nicht w weil er unserer Partei angehört – er tut es nich cht und macht

keinen Hehl daraus –, sondern n weil er unserer in kritischer Zeit gebeutelten n und lädierten

Demokratie neues Selbstveertrauen geben kann. Wir laden jeden freiheittsliebenden

Menschen, jede Demokratin u und jeden Demokraten in der Bundesversamm mlung ein,

Joachim Gauck die Stimme zu u geben.

 

Aber auch in dieser Woche steht die Auseinandersetzung nicht still, die der  politische

Alltag bei den konkreten Fragen einer fairen Ordnung der Finanzmärkte  und der Arbeitswelt

erfordert: Der mit gr ssen Erwartungen versehene G20-Gipfel in Toronto vom

vergangenen Wochenende war eine herbe Enttäuschung. Die großen Wirtschaftsmächte

haben es wieder nicht geschafft, auch nur grundlegende gemeinsame Richtungsentscheidungen

für die globale Fiinanzbranche zu vereinbaren. Wenn sogar Banker davor

warnen, nun drohe ein undurchsichtiger Flickenteppich von Regeln im natiionalen Alleingang,

wird klar, dass der Gipfel im Streit auseinander gegangen ist. Weder bei

der Regulierung der gefährlichsten und risikoreichsten Finanzprodukte giibt es durchgreifenden

Fortschritt, noch konnte eine abgestimmte Linie bei der Beteilig gung der

 

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Finanzbranche an den Kosten  der Krise gefunden werden. Die Bundesregierung hat

begrenzte Möglichkeiten, eine solche Einigung voranzubringen. Aber Angeela Merkel

hat auch diese Möglichkeiten uungenutzt gelassen. Jetzt zeigt sich: Der Riss in den

deutsch-französischen Beziehungen und der Vertrauensverlust in die Handdlungsfähigkeit

Europas, der durch Merkels Zaudern bei der Euro-Krise entstanden ist, sind eine

schwere Hypothek für das Dur rchsetzungsvermögen der Europäer bei der Neuordnung

der Finanzmärkte. Merkel stehht allein mit ihrem schönfärberischen Fazit, in Toronto sei

mehr erreicht worden als sie erwartet hätte. Eines aber offenbart dieser Satz: Die immer

anspruchslosere und krafftlosere Haltung der Kanzlerin bei existenziellen politischen

Fragen. Und ihre lähmende Taktik, Erwartungen herunterzuschrauben, um sie

anschließend nicht zu unterbieten. Wer aber beim Stabhochsprung die Lattte auf Knie-

höhe legt, hat sich sicher keinen Applaus verdient.

 

Sorge hat uns auch die Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts zu bereiten, den

Grundsatz der Tarifeinheit zu kippen. Kommt es nun zur Zersplitterung des Tarifvertragssystems

mit einer Spaltuung der Belegschaften und einer Vervielfachung der Arbeitskonflikte

 werden wir unser Land bald nicht mehr wiedererkennen. Die besondere

deutsche Stärke des Arbeitsfriedens durch die kooperative Verantwortung der Sozialpartner

wäre dahin. Wir stimmen der gemeinsamen Position von Gewerkschaften

und Arbeitgebern zu, die Tariifeinheit nunmehr gesetzlich zu regeln, um sie für die

Zukunft zu erhalten. Die Bundesregierung fordern wir auf, ohne Verzögerunng einen Gesetzentwurf

vorzulegen.

 

Euer

Holger Ortel, MdB