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An die Mitglieder der
SPDund Cloppenburg/Vechta in den Wahlkreisen
Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburg |
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Berlin, 5. April 2011
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I. Zur Lage
Liebe
Genossinnen und Genossen,
wir beobachten den
beschleunigten Niedergang und Zerfall der schwarz-gelben Koalition.
Nach
Nordrhein-Westfalen und Hamburg hat die Union auch in ihrem Kernland
Baden-Württemberg die Regierungsmehrheit verloren. Koalitionen aus SPD und
Grünen werden Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz regieren. Die lange Serie
von Wahlniederlagen der Merkel-CDU setzt sich fort. Die FDP des
Landesvorsitzenden und Bundeswirtschaftsministers Brüderle scheitert in
Rheinland-Pfalz an der 5-Prozent-Hürde und wird als Splitterpartei
außerparlamentarische Opposition.
Die FDP der
Landesvorsitzenden und Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion Homburger
halbiert sich in Baden-Württemberg und kann nur mit Müh und Not noch in den
Landtag einziehen. Der Rücktritt Guido Westerwelles vom Parteivorsitz ist nach
diesem politischen Erdrutsch unvermeidbar geworden. Er kann auch nicht mehr
Vizekanzler bleiben. Für die FDP geht damit eine lange Ära marktradikaler
Profilverengung zu Ende. Was jetzt folgt, kann keiner sagen. Ob die Partei die
Kraft findet, sich für soziale Fragen zu öffnen, ist völlig offen. Klar ist
bislang nur, dass ein innerparteilicher Kampf aller gegen alle ausgebrochen ist
und dass die Zeit nach Westerwelle personell wie programmatisch das ungebremste
Chaos bringt. Merkel und Westerwelle galten als Achse von Schwarz-Gelb. Sie ist
gebrochen. Westerwelles Rücktritt löst nicht die Dauerkrise der schwarz-gelben
Koalition, sondern beschleunigt den Bankrott der Regierung Merkel.
Seit 2010 ist
Schwarz-Gelb als politisches Projekt erledigt. Das steuerpolitische Versagen,
der Bruch des Wahlversprechens von „mehr Netto“, stattdessen schamlose
Klientelpolitik, die den Staat zur Beute der Besserverdiener macht, die
Unfähigkeit, die Euro-Krise zu lösen, die Unfähigkeit, überhaupt nur eine
politische Linie für Europa zu finden, die fortgesetzte Missachtung des
Parlaments und der Mangel an Wahrhaftigkeit bei ihren führenden Repräsentanten
haben das Ansehen der Regierung selbst bei Konservativen irreparabel
zertrümmert. An dem allgemeinen Befund, dass Schwarz-Gelb keine Zukunft hat,
konnte auch der so genannte „Herbst der Entscheidungen“ nichts ändern. Letzten
Endes wird er als Herbst von Merkels Kanzlerschaft in Erinnerung bleiben. Denn
das zentrale Vorhaben einer Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke, mit dem
Merkel Handlungsfähigkeit demonstrieren wollte, hat lediglich einen mit dem
Atomausstieg schon beigelegten gesellschaftlichen Großkonflikt neu aufgerissen.
Heute ist auch die Energiepolitik Merkels Makulatur.
Nach der Katastrophe von Fukushima steht sie
auch hier vor einem Scherbenhaufen, den sie mit hilflosen Versuchen zu kitten
versucht, den gerade erst großspurig aufgekündigten Konsens kleinlaut wieder
zusammen zu pusseln. Zuerst hat die Regierung Merkel das Vertrauen der Menschen
verspielt. Jetzt gehen der Merkel-CDU die Mehrheiten in den Ländern und der
Koalitionspartner verloren. Das Ende wird der Machtverlust im Bund sein.
In der deutschen
Politik ist ein Vakuum entstanden. Die Menschen suchen nach einer glaubwürdigen
Alternative. Deshalb haben wir Anfang des Jahres einen Phasenwechsel der
Opposition eingeleitet.
Mit unserem Projekt „Deutschland
2020 – Vollbeschäftigung, Lebensqualität und Fortschritt“ bereiten wir uns
auf die Übernahme der Regierung vor. Wir greifen die zentralen
Modernisierungsfragen unseres Landes auf. Wir gehen auf die Akteure in der
Gesellschaft zu und konkretisieren gemeinsam mit ihnen den Zukunftsentwurf für
Deutschland und Europa. Wir zeigen, wie Deutschland eine Arbeitsgesellschaft
bleiben kann, die Vollbeschäftigung erreicht und mit guten, fair entlohnten
Arbeitsplätzen verbindet. Wir legen ein Investitionskonzept für die sensiblen
Infrastrukturen vor, die eine Energiewende im Industrieland erst ermöglichen.
Wir erneuern die Glaubwürdigkeit der Finanzpolitik mit einem realistischen
Haushalts- und Konsolidierungskonzept, das nicht zuviel verspricht, aber die
Lasten des Fortschritts in unserer Gesellschaft ausgleicht, die ökologischen
Kosten und Renditen sozial gerecht verteilt und die öffentliche Hand in Bund
und Ländern handlungsfähig erhält.
Denn handeln müssen wir
beim massiven Ausbau der Ganztagsangebote in der Bildung, bei der Integration,
bei den Potenzialen der Älteren. Ich bin fest davon überzeugt: Deutschland kann
ein besseres Land sein, chancenreicher, gerechter, partnerschaftlicher und
zukunftsfähiger.
Das ist Aufgabe und
Ziel der Sozialdemokratie. Wir werden bereit sein. Wir werden unser Land
verantwortungsvoller und besser regieren.
Wie wichtig das ist,
zeigen nicht zuletzt der Aufbruch in der arabischen Welt und die großen
internationalen Herausforderungen. Die Unglaubwürdigkeit, die Schwäche und
Führungslosigkeit der deutschen Außenpolitik in dieser historischen Stunde
schadet nicht nur unserem Land. Sie verpasst die Chancen, in der europäischen
Nachbarschaft eine neue Ära der Demokratie zu unterstützen. Das Engagement
Deutschlands und Europas in Nordafrika und im Nahen Osten muss der Größe der
Chancen gerecht werden. Es geht um einen Neuanfang und um ein neues
Entwicklungsmodell, das den Menschen in der Region zum ersten Mal politische
Mitsprache, soziale Teilhabe und Rechtsstaatlichkeit verheißt.
Daraus erwachsen große
Hoffnungen, die jetzt nicht zu tiefen Enttäuschungen werden dürfen.
Deutschland und Europa
müssen auch aus eigenem Interesse an einer prosperierenden Nachbarregion mehr
politische Führung übernehmen. Wir brauchen einen Neubeginn der europäischen
Mittelmeerpolitik. Das Nebeneinander der unterschiedlichsten 4 Politikformate
– von der europäischen Nachbarschaftspolitik über die Euro-Mediterrane
Partnerschaft bis zur Mittelmeerunion – verwirrt nicht nur unsere Partner in
der Region, sondern auch Europa selbst. Was sind unsere Ziele? Was sind unsere
Instrumente? Es braucht mehr Klarheit, Entschlossenheit und Glaubwürdigkeit.
Wir
brauchen einen Marshall-Plan für die Demokratisierung und Modernisierung im
Mittelmeerraum.
Wir
brauchen einen regionalen Entwicklungsfonds, der die Reform staatlicher
Strukturen, den Aufbau der Wirtschaft, die Entwicklung der Sozialpartnerschaft
und die Zukunftsperspektiven in Bildung und Wissenschaft fördert. Wir wollen
dies verbinden mit dem Abbau von Handelshemmnissen und einer verstärkten
wirtschaftlichen Zusammenarbeit in den Schlüsselbereichen einer nachhaltigen
Wohlstandsentwicklung.
Euer Holger Orten