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An die Mitglieder
der SPD in den Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburgund
Cloppenburg/Vechta |
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Berlin,
8. November 2011 |
I. Zur Lage
Liebe
Genossinnen und Genossen,
die
Koalitionsbeschlüsse vom vergangenen Sonntag nützen nur wenigen, schaden aber sehr vielen
Menschen. Einige Beobachter sind genügsam geworden und glauben, wenn es binnen
24 Stunden kein Dementi der unberechenbaren CSU gibt, sei das schon ein Erfolg.
Wer genau hinsieht, erkennt jedoch die ungebrochene Kontinuität des
schwarz-gelben Elends. Merkel und Rösler sprechen von „Entlastung“. Aber
ausgerechnet das, was fünf Millionen Menschen in Arbeit wirklich hilft und
dringend einer Klärung innerhalb der Koalition bedurft hätte, wurde gar nicht
erst angesprochen: Ob der gesetzliche Mindestlohn kommt, ist weiter vollkommen
offen. Das Koalitionschaos in dieser Frage setzt sich ungebremst fort.
Die
Beschlüsse in Sachen Steuern muss man schlichtweg Betrug nennen. Sie sollen
angeblich kleinen und mittleren Einkommen zugutekommen. Tatsache ist: Sie haben
lächerlich geringe Wirkungen für Menschen, die ein wirklich geringes Einkommen
haben. Noch sind die schwarz-gelben Beschlüsse zu schwammig, um genaue Zahlen
zu fixieren. Aber erste Schätzungen des Bundes der Steuerzahler zeigen, was
gespielt wird: Die für 2013 angekündigte Steuerabsenkung von zwei Milliarden
Euro bringt demzufolge für einen Geringverdiener 1,40 Euro im Monat. Wer
hingegen den Spitzensteuersatz erreicht, bekommt 9,60 Euro im Monat. Wie
Merkel, Rösler und Seehofer für so etwas eine Pressekonferenz ansetzen, ist
eigentlich eine Frechheit. Hier wird mit der Gießkanne ein Milliardenbetrag
über alle Einkommensgruppen so verteilt, dass die dicksten Tropfen auch noch
bei den Besserverdienern ankommen. Was keinen einzelnen Menschen froh macht,
entzieht Bund und Ländern in der Summe dennoch zuerst zwei Milliarden und dann
insgesamt acht Milliarden Euro jährlich für dringend notwendige Investitionen.
Und es sind Steuersenkungen auf Pump. Während Merkel von Montag bis Samstag beschwört,
Europa müsse in der Schuldenkrise konsolidieren, beschließt sie an einem
Sonntag, Geld zu verteilen, das der Finanzminister am Kapitalmarkt aufnehmen
muss. Deutschland muss sich nach wie vor jedes Jahr kräftig neu verschulden.
Das
Koalitionspapier vom Wochenende trägt den Titel „Wachstumskräfte in Deutschland
stärken“ – noch ein schlechter Witz. Denn erstens ist alles erst für das
Wahljahr 2013 geplant, das Wachstum aber droht schon heute einzubrechen. Und
zweitens wird eine Steuermaßnahme, die weniger als ein Prozent des
Gesamtaufkommens der Lohn- und Einkommenssteuer umfasst, das Wachstum nicht
mehr als ein trockener Husten beeinflussen.
Was
den Geringverdienern wirklich hilft, das wäre der gesetzliche Mindestlohn.
Er würde mehr als fünf Millionen Arbeitnehmern, 16 % der gesamten
Arbeitnehmerschaft, endlich wenigstens das Minimum an Einkommen bringen, das
die Bedürftigkeit vermeidet. Der Mindestlohn würde den Steuerzahler um
Milliarden entlasten, weil er nicht mehr Dumpinglöhne subventionieren müsste.
Er würde zugleich Kaufkraft und Binnennachfrage nennenswert stärken. Darüber
aber wurde am Sonntag nicht entschieden, wohl nicht einmal gesprochen. Beim
gesetzlichen Mindestlohn hat die CDU vor ihrem Parteitag eine vieldeutige
Ankündigung gemacht. FDP und zahlreiche Unionsvertreter lehnen den Mindestlohn
ab, einzelne CDU-Leute sind dafür. So wird das nichts. Wir fordern Merkel auf,
den Mindestlohn ins Parlament zu bringen. Da haben wir eine Mehrheit für den
gesetzlichen Mindestlohn. Nur als Parteivorsitzende vom Mindestlohn zu reden,
dann aber als Kanzlerin nicht zu liefern – das ist ein politisches
Täuschungsmanöver, und ein Betrug an den Menschen mit geringem Einkommen.
Beim
irrsinnigen „Betreuungsgeld“ – der Bildungs-Fernhalteprämie – richtet Schwarz-Gelb
großen Schaden an.
Wir
machen dies in einer Aktuellen Stunde des Bundestages zum Thema. Vergangene
Woche noch hat die Union zum 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens mit der Türkei
landauf landab Reden darüber gehalten, wie wichtig das frühe Erlernen der
deutschen Sprache für eine gelingende Integration sei. Das Entsetzen muss jetzt
alle packen, die eine frühe Förderung und den Ausbau der Kita-Plätze
voranbringen wollen: Rund zwei Milliarden Euro sollen verschwendet werden, um
eine Prämie dafür zu zahlen, dass Kinder nicht in die Kita gehen. In Städten
mit vielen Einwandererkindern, die dringend mit anderen Kindern deutsch
sprechen und lernen müssen, ist das ein verheerender Schlag gegen die
Integration. Zugleich warnen die Länder, dass der Rechtsanspruch auf einen
Kitaplatz ab 2013 nicht zu halten ist, weil das Geld für den Ausbau fehlt. Die
Antwort von Schwarz-Gelb darauf lautet, den Ländern durch verteilungspolitisch
sinnlose Steuermaßnahmen noch einmal Einnahmeverluste aufzuladen. Wegen des für
die Länder ab 2020 absolut geltenden Neuverschuldungsverbots bringt jede
weitere Mindereinnahme den Zwang, Leistungen zu streichen. Schwarz-Gelb ist ein
Zukunftsrisiko.
Auch die Krise Europas schwelt weiter. In der jetzigen
Finanzkrise rächt sich, dass seit dem Zusammenbruch der Banken 2008 in der
Substanz nichts erreicht wurde, um die Realwirtschaft zu stärken und die
spekulativen Risiken der Finanzwirtschaft einzudämmen. Der G20-Gipfel von
Cannes am 3. und 4. November hat wieder keine greifbaren Fortschritte
gebracht. Bereits getroffene Absichtserklärungen wurden noch einmal mit einer
Absichtserklärung bestätigt.
Keine
Konkretisierung, kein Aktionsplan, keine Umsetzungsschritte, vor allem wieder
kein Durchbruch bei der Einführung einer internationalen Finanztransaktionssteuer.
Am Freitag dieser Woche wird der Bundestag über die Lage der
Finanzmarktregulierung beraten. Lasst uns die Gelegenheit nutzen, um unsere
seit 2008 erhobenen Forderungen wieder auf die Tagesordnung zu bringen und
Druck zu machen, damit aus erklärten Absichten wirksame Taten werden: für die
Finanztransaktionssteuer; für eine Trennung des hochriskanten Investmentbanking
vom realwirtschaftlichen Kreditgeschäft; für eine strenge Regulierung des
computergestützten Hochfrequenzhandels; für ein europaweites Verbot von
ungedeckten Leerverkäufen und von spekulativen Kreditausfallversicherungen, bei
denen die Erwerber der Versicherungsscheine gar kein Eigentum haben, das sie
versichern wollen; für ein Verbot des spekulativen Rohstoffhandels ohne Bezug
zum wirklichen Umschlag von Waren; für die Orientierung der Managerbezahlung am
langfristigen Unternehmenserfolg und für die Begrenzung der steuerlichen
Absetzbarkeit von hohen und höchsten Managervergütungen. Wir haben in der
Finanzkrise kein Erkenntnisproblem.
Wir
haben ein politisches Durchsetzungsproblem.
Euer
Holger Ortel