HOLGER
ORTEL MITGLIED
DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES
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An die Mitglieder der SPD in den
Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburgund Cloppenburg/Vechta
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I. Zur Lage
Liebe Genossinnen und Genossen,
die Schuldenkrise
Griechenlands hat sich dramatisch zugespitzt. Die Schwierigkeiten des
griechischen Staates, neues Geld zu leihen, und das aggressive Verhalten der
Kapitalmärkte gefährden die Stabilität der Eurozone und damit auch die vitalen
Interessen Deutschlands als größte Volkswirtschaft in der Mitte Europas. Nach
dem Zusammenbruch der Finanzmärkte im September 2008 musste sich die Wirtschaft
Vertrauen vom Staat leihen. Jetzt aber geht es, verstärkt durch die
Finanzierungskrise der öffentlichen Haushalte, um das Vertrauen in den Staat selbst.
Griechenland muss auf den Pfad solider Finanzen zurückkehren. Die
Konsolidierungsbemühungen, die das Land auf sich nimmt, sind gigantisch. Diese
beispiellosen Anstrengungen verdienen keinen Hohn, sondern Respekt und
Unterstützung. Die Bundesregierung aber hat auf die Schwierigkeiten
Griechenlands zuerst gar nicht und dann falsch reagiert. Obwohl schon seit
Wochen klar ist, dass entschiedenes Handeln und gemeinsame Verantwortung
notwendig sind, um die Märkte zu beruhigen, hat Angela Merkel die deutsche Öffentlichkeit
bis zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen mit der Geste ‚wir geben nichts‘
zutäuschen versucht. Das Ergebnis ist rapide wachsender Vertrauensverlust in
die Handlungsfähigkeit Europas. Wo Vertrauen verloren geht, da greift
Verunsicherung um sich. Ein Geschenk für Spekulanten! Die Regierung Merkel hat
den Brand in der Eurozone lange schwelen lassen und durch schwerwiegende Fehler
weiter angefacht.
Jetzt setzt der Funkenflug ein
und bedroht andere Länder in Europa. Es ist höchste Zeit zu handeln: Wir müssen
die Spekulationsspirale stoppen.
Die Regierung hat durch ihre
Hinhaltetaktik auch das Parlament in eine schwierige Situation manövriert. Die
Abgeordneten des Deutschen Bundestages müssen in diesen Tagen eine komplizierte
Entscheidung von enormer Tragweite unter großem Zeitdruck treffen. Die SPD
steht zu ihrer Verantwortung, eine schnelle und tragfähige Lösung zu
ermöglichen.
Eine bloße Ermächtigung des
Bundes, für Kredite in Höhe von 22,4 Milliarden Euro an Griechenland zu bürgen,
reicht nicht aus. Unsere Zustimmung wird davon abhängen, ob die Regierung
bereit ist, die Krise an der Wurzel zu packen, keinen der Verantwortlichen aus
der Pflicht zu entlassen und zu verhindern, dass nur den Steuerzahlern die
Kosten aufgebürdet werden. Die Bundesregierung muss begleitend zu diesem Gesetz
deutlich machen, welche Maßnahmen sie ergreift, um den privaten Sektor an der
Krisenbewältigung zu beteiligen. Banken und Finanzinvestoren müssen mit mehr
als symbolischen Gesten in die Verantwortung genommen werden. Wir brauchen eine
Finanztransaktionssteuer, die alle Finanzprodukte und Handelsplätze umfasst.
Darüber hinaus muss die Bundesregierung die glaubwürdige Bereitschaft
dokumentieren, neuen Spekulationswellen vorzubeugen und endlich die Regulierung
auf den internationalen Finanzmärkten entschlossen voranzutreiben. Für die
europäische Währungsunion schließlich brauchen wir eine enger abgestimmte
Wirtschafts- und Finanzpolitik. Ohne diese Schritte kann kein Rettungspaket
nachhaltig wirken.
Die Bewältigung der
europäischen Schulden- und Spekulationskrise hängt jetzt entscheidend von der
Vertrauenswürdigkeit und Handlungsfähigkeit des Staates ab. Auch Deutschland
ist nicht gefeit vor der Gefahr, diese Handlungsfähigkeit zu verspielen. In
dieser Woche schlägt mit der Steuerschätzung die Stunde der Wahrheit:
Lange hat die Regierung Merkel ein unwürdiges Versteckspiel getrieben, um dem
finanzpolitischen Offenbarungseid auszuweichen. Immer wieder wurden unsere
Fragen nach der Finanzierbarkeit von Steuersenkungen, Kopfpauschale und
Haushaltskonsolidierung vertagt.
Auch hier mit dem
durchsichtigen Motiv, vor den Wahlen in Nordrhein-Westfalen jede Blöße zu
vermeiden. Seit der Frühjahrsprognose der Wirtschaftsinstitute Mitte April wird
allerdings immer deutlicher: Wirtschaftliche Stagnation und Rekordverschuldung
sind eine schwere Belastung für die kommenden Jahre. Jetzt gibt es erste
Meldungen, dass auch der Bundesfinanzminister mit sinkenden Steuereinnahmen
rechnet. Bis zu 14 Milliarden Euro weniger pro Jahr als noch im November
geschätzt sollen Bund, Länder und Kommunen ab 2011 zur Verfügung haben. Bis
2013 entstünde somit eine weitere Lücke von mehr als 40 Milliarden Euro. Die
einzig verantwortbare Konsequenz aus dieser Botschaft wäre, die Pläne für
milliardenschwere Steuersenkungen zu beerdigen. Stattdessen erleben wir die
Kontinuität der Unbelehrbarkeit in der Koalition. Kauder, Westerwelle und Co
verweigern sich der Realität. Schwarz-Gelb muss durch den Wähler zur
Kurskorrektur gezwungen werden.
Am 9. Mai haben 13,5 Millionen
wahlberechtigte Bürgerinnen und Bürger des größten Bundeslandes die Chance,
Schwarz-Gelb abzuwählen.
Die Landtagswahlen in
Nordrhein-Westfalen entscheiden auch über die Zukunft der Bundespolitik.
Stürzt Schwarz-Gelb in Düsseldorf, dann haben Union und FDP im Bundesrat keine
Mehrheit mehr. Das bedeutet: Stopp der verantwortungslosen Steuerpläne, die
führende Unionspolitiker wie Volker Kauder und die FDP trotz der größten
Schuldenkrise der bundesdeutschen Geschichte fordern. Stopp von Steuersenkungen
auf Pump, die Länder belasten und den Kommunen das Kreuz zu brechen drohen.
Stopp von Steuerprivilegien für Besserverdiener, die am Ende von Arbeitslosen,
Schichtarbeitern und Arbeitnehmern mit geringem Einkommen bezahlt werden
müssen. Stopp der ungerechten Kopfpauschale im Gesundheitssystem, die Millionen
von Arbeitnehmern und Rentnern zu Bittstellern macht, in die
Bedürftigkeitsbürokratie eines Sozialausgleichs zwingt und den Staat mit neuen
Milliardenkosten überfordert.
Schwarz-Gelb steht im Bund
ebenso wie in Nordrhein-Westfalen für eine schamlose Klientelpolitik. Das ist
Missbrauch von Macht nach dem Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben, wer
nichts hat, dem wird auch noch das letzte Hemd genommen. Parteispenden in
Millionenhöhe werden abgegolten durch milliardenschwere Steuergeschenke, wie im
Falle des Mehrwertsteuerprivilegs für Hotels.
Auch die Aufdeckung von
Finanzaffären in Verbindung mit Jürgen Rüttgers in NRW reißt nicht ab. Die
CDU erweist sich als Wiederholungstäter. Nach Bekanntwerden einer
Sponsorenpraxis, die den Ministerpräsidenten für exklusive Gespräche gegen Geld
vermietet, hat die Rüttgers-CDU jetzt zugeben müssen, schon im Wahlkampf 2005
getrickst und getäuscht und mit 40.000 Euro die Gründung einer angeblich
parteiunabhängigen Wählerinitiative mitfinanziert zu haben. Diese Initiative
hat laut Pressemeldungen wiederum Spendengelder in fünfstelliger Höhe
eingesammelt, Geld, das im Rechenschaftsbericht der CDU nicht auftaucht. Der
erneute Verdacht illegaler Parteienfinanzierung ist ein klarer Fall für
Bundestagspräsident Lammert. Wieder muss er gegen seinen eigenen Landesverband
ermitteln. Noch fünf Tage, dann können die Wählerinnen und Wähler der CDU die
Quittung verpassen und Schwarz-Gelb aus dem Amt wählen. Jürgen Rüttgers
verliert jeden Tag mehr an Glaubwürdigkeit. Hannelore Kraft gewinnt stetig an
Vertrauen bei den Menschen. Sie steht für den politischen Neuanfang.
Euer
Holger Ortel