HOLGER ORTEL
MITGLIED DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES
PLATZ DER REPUBLIK 1, 11011 BERLIN
An alle
Mitglieder der SPD
in den Bundestagswahlkreisen
Delmenhorst/Wesermarsch/Oldenburg Land
und Cloppenburg/Vechta
Politischer Bericht vom 6. Juli 2010
Liebe Genossinnen und Genossen,
Angela Merkel flieht zur Fußball-WM, Schwarz-Gelb rettet
sich in die Sommerpause.
Nach einem Regierungsversagen in Serie, das jetzt neun
Monate andauert,
nach fortgesetzter Entscheidungsunfähigkeit bei nahezu allen
wichtigen
politischen Fragen, nach einem Misstrauensvotum gegen Merkel
bei der Bundespräsidentenwahl,
taumelt die Koalition in die Ferien. Wir haben uns die
zurückliegenden
Monate noch einmal angeschaut und verglichen, was Schwarz-
Gelb im Wahlkampf versprochen, im Koalitionsvertrag
angekündigt und was die
Regierung tatsächlich geliefert hat. Das Ergebnis führt die
gebrochenen Wahlversprechen
von Schwarz-Gelb in ihrem nie dagewesenen Ausmaß vor Augen.
Der schwerwiegendste Wortbruch von Schwarz -Gelb ist die
Nettolüge –
versprochen wurden Milliarden über Milliarden an
Steuersenkungen zur Entlastung
der unteren und mittleren Einkommen. „Mehr Netto vom
Brutto“, hieß der
Slogan. Vielfach war die Aussage zu hören: „Wir sind nicht
gewählt, um Beiträge
zu erhöhen.“ Nach neun Monaten ist klar, dass das Gegenteil
geschieht. Die
Steuersenkungen wurden nach der Landtagswahl in
Nordrhein-Westfalen beerdigt.
Stattdessen steigt die Steuerlast für Unternehmen wie für
Bürger. Vor allem
aber werden Arbeitslose, Rentnerinnen und Rentner, normale
Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer mehr belastet durch steigende Abgaben und
Gebühren.
„Weniger Netto“ ist die Folge, und genau das machen wir in
dieser Woche
zum Thema der Aktuellen Stunde.
Ein Offenbarungseid ist das vollständige Scheitern in der
Gesundhheitspolitik.
Gesundheitsminister Rösler hat gesagt, wenn ihm die
Gesundheitssreform nicht
gelinge, wolle ihn als Ministster keiner mehr haben. Dieser
Fall scheint jetzt eingetreten.
Fantasielos, kraftllos, beinah willenlos fügt sich der
Gescheiterte in die
Regierungsunfähigkeit der Koalition. Monatelanger Streit,
die Einsetzung einer
Regierungskommission, vollmundige Ankündigungen eines
Systeemwechsels
mit der Kopfpauschale – und alles, was herauskommt, ist
die Erhöhung der Beiträge
für gesetzlich Versicherte. Auch die Zusatzprämien sollen
erhöht werden.
Der Deckel bei ein Prozent des Einkommens soll auf zwei
Prozentt angehoben
werden, ginge es nach der Mehr-Netto-Partei FDP sogar ganz
entfallen. Das ist
unsozial und wird besonderrs die unteren und mittleren
Einkommen treffen. Von
einem Sozialausgleich ist gar nicht mehr die Rede. Die
Versuche, bei den Arzneimittelkosten
zu sparen, kommen spät, sind halbherzig und unausgegoren.
Erinnern wir uns: Schon na ach 100 Tagen Schwarz-Gelb
erhoben etliche Krankenkassen
Zusatzbeiträge. . Nach einem Jahr Schwarz-Gelb steigen
Beiträge
und Zusatzprämien. Das Veersagen der Koalition wird teuer
für Millionen gesetzlich
Versicherte.
In dieser Woche liegt der Haushalt 2011 und der Finanzplan
bis 22014 im Regierungsentwurf
vor. Wieder ein Dokument des Scheiterns, das belegt, wie
vor
allem die Schwächeren in der Gesellschaft für die
schwarz-gelben n Steuerprivilegien
und Klientelgeschenke zahlen müssen. Union und FDP habben
„Steuergerechtigkeit“
versprochen. Was jetzt kommt, grenzt an vorsätzlichen
politischen
Betrug. Nachdem FDP und CSU im Wahlkampf
Mövenpick-Spenden erhalten
haben, kam zum Jahhresanfang die Umsatzsteuerbegünstigung
für Hoteliers.
Auch Unternehmen, die besonders kreativ bei der Umgehung
ihrer Steuerpflicht
sind, sich arm rechnen und Gewinne ins Ausland verlaern, wurden
von Schwarz-Gelb erneut begünstigt. Das alles in einem Jahr, in dem der Bund
eine historisch noch nie daggewesene Neuverschuldung von
mehr als 80 Milliarden
Euro aufnehmen musste, die im Haushaltsvollzug nur
deshalb auf 65 Milliarden
sinkt, weil die Konjunktur etwas besser als erwartet läuft.
Wer für Begünstigung,
Privilegien un nd Klientelpolitik auf Pump zahlen soll,
hat die
schwarz-gelbe Sparliste offenbart, die in den
Haushaltsentwurf einggeflossen ist:
Konkret wird die Koalition bei den Einschnitten in die
Vermittlung und Förderung
von Arbeitslosen, beim Streichen des Elterngeldes, der
Rentenversicherung und
des Heizkostenzuschusses für Arbeitslose. Luftig, unklar
und zerstritten bleibt
die Regierung aber da, wo es um die Beteiligung der
Finanzbranche geht. Eine
Finanzmarktsteuer konnte beim Treffen der G20 in Toronto
intern national nicht
vereinbart werden. Ob jetzt tatsächlich eine europäische
Lösung kommt, ist
zweifelhaft. Die Regierung Merkel kann sich nicht
entschlossen dafü ür einsetzen,
weil sie nicht geschlossen in dieser Frage ist. Andere
Luftbuchungeen im Haushaltsentwurf
sind die Rückfführung der Energiesteuervergünstigungen
der Industrie
(1,5 Milliarden Euro ), die Ticketabgabe im Flugverkehr (1
Miilliarde Euro)
oder auch der von Finanzminister Schäuble so genannte
„Beitrag der Kernenergiewirtschaft“
(2,3 Milliiarden Euro). Bei keinem dieser Punkte ist auch
nur
im Ansatz erkennbar, wie er ausgestaltet und durchgesetzt
werden soll. Keiner
dieser Milliarden-Posten steht bislang im Gesetzblatt.
Deshalb werrden wir genau
prüfen, wie die Begleitggesetzgebung zum Bundeshaushalt
läuftt, bei der die
Regierung im August und September Farbe bekennen muss. Die
erste Lesung
des Haushalts Mitte September ist die Stunde der Wahrheit.
Von zentraler Bedeutung ist st die Einführung einer
Brennelementesteuer. Sie
beseitigt ein ungerechtfertigtes Privileg der Atomkraft.
Während die Strompreise
für den Verbraucher durch die „Einpreisung“ des
CO2-Emissionsrechtehandels
steigen, bleiben die Kernkraftbetreiber von den Kosten der
spezifischchen Risiken
und Lasten der Atomkraft verschont. Sie fahren daher jedes
Jahr erhebliche
Mitnahmegewinne ein, die von Experten auf 3,4 Milliarden
Euro geschätzt wer
den. Dies hat mit der Frage einer Verlängerung der
Laufzeiten vonn Atomkraftwerken
nichts zu tun. In der Kernzeitdebatte dieser Woche verlangen wir deshalb
von der Bundesregierung, unverzüglich ein Gesetz vorzulegen,
das zum 1.
Januar 2011 eine Verbrauchssteuer auf die Spaltung von
Kernbrennnstoffen einführt.
So lange die Atomkraftwerke laufen, muss sichergestellt
seein, dass die
Betreiber an den Kosten und Schäden, die sie
einschließlich der Endlagerung
von Atommüll verursachen, angemessen beteiligt werden. Wir
fordern außerdem:
Kein Ausstieg aus dem Atomausstieg. Der im Atomkonsens mit den Energieversorgungsunternehmeen
vor zehn Jahren erreichte Durchbruch darf nicht in
Frage gestellt werden. Für eine Verlängerung der
Laufzeiten giibt es keine
Mehrheit in Deutschland.
Nach der Sommerpause wird Deutschland ein Jahr lang nicht
mehr regiert. Zu
den Negativrekorden der Koalition gehört folgerichtig auch
der dramatisch beschleunigte
Vertrauensverllust. Im Sommer 2010 hat die Regierung im
Meinungsbild
der Bevölkerung ihre Mehrheit verloren. Auch die Zuststimmung zur
Kanzlerin ist massiv eingebbrochen. Das Misstrauensvotum
gegen das System
Merkel eint nahezu 60 Prozent der Bürgerinnen und Bürger.
Die SPD hat sich
stabilisiert und ist gemeinsam mit den Grünen bei 47
Prozent an die Schwelle
einer neuen Mehrheit für Rot-Grün gekommen. Nicht zuletzt
durch den Verlust
der schwarz-gelben Bundesratsmehrheit wächst das Gewicht
der Opposition.
Wir werden mit Tatkraft, Verantwortungsbewusstsein und
Gestalltungsbereitschaft
unseren Kurs fortsetzzen.
Euer
Holger Ortel, MdB