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An die Mitglieder der SPD in den
Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Oldenburg Land und Cloppenburg/Vechta |
Politischer Bericht vom 8.
Juni 2010
I. Zur Lage
Liebe Genossinnen und Genossen,
nach dem plötzlichen Rücktritt
von Horst Köhler mussten wir schnell entscheiden, welche Persönlichkeit das
Amt des Bundespräsidenten am besten ausfüllen kann. Die Menschen sind
verunsichert. Viele haben den Verdacht, dass die Politik machtlos gegenüber den
Märkten ist. Bei vielen hat das Vertrauen in die Kraft der Demokratie gelitten.
Das Ansehen der Bundesregierung ist im Sturzflug. In dieser Lage kam es uns
darauf an, einen wirklich überparteilichen und respektierten Kandidaten zu
finden, der über die Lager hinweg Orientierung zu geben, Hoffnung zu wecken und
Vertrauen wiederzugewinnen vermag. Wir haben der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel
mehrfach angeboten, einen gemeinsamen Kandidaten zu unterstützen.
Sie hatte aber offenbar weder
den politischen Willen noch das Durchsetzungsvermögen, diesen Weg zu gehen. Ob
aus Schwäche oder aus mangelnder Einsicht: Sie hat der kleinen
parteipolitischen Taktik den Vorzug gegeben. Wir haben deshalb in enger
Abstimmung mit Bündnis 90 / Die Grünen Joachim Gauck als neuen
Bundespräsidenten vorgeschlagen. Er bezeichnet sich selbst als linker und
liberaler Konservativer. Einer Partei gehört er nicht an und er schuldet keinem
politischen Lager Gefolgschaft. Er spricht offen und öffnet dadurch die
Auseinandersetzung über unsere Zukunft.
Er vereint in seiner Person die
Unabhängigkeit, die Integrität, die Lebenserfahrung und die intellektuelle
Kraft, um unserer Demokratie neues Selbstvertrauen zu geben und die Institution
des höchsten Staatsamtes zu stärken. Ich freue mich sehr, dass wir Joachim
Gauck heute in der SPD-Bundestagsfraktion begrüßen können.
Haushaltsdebatte
Unser Land steht vor großen
sozialen Belastungsproben. Eine der größten ist die Antwort auf die
Finanzmarktkrise und der Ausweg aus der staatlichen Schuldenkrise, die
durch den Zusammenbruch der Kapitalmärkte erst heraufbeschworen wurde.
Vor dieser Katastrophe, im Jahr
2008, hatten wir Deutschland auf einen hoffnungsvollen Konsolidierungskurs
gebracht, und gesamtstaatlich schrieben die öffentlichen Haushalte eine
schwarze Null. Nach dem Einbruch gingen Bund, Ländern und Kommunen wie nie
zuvor Einnahmen verloren, es stiegen die Ausgaben und die Schulden schossen in
die Höhe.
Wir erleben eine Zäsur.
Die Handlungsfähigkeit des Staates, der soziale Zusammenhalt und die Zukunftsinvestitionen unserer Gesellschaft stehen auf dem Spiel. Klientel- und Subventionspolitik, Privilegien und Begünstigungen für Wohlhabende auf der einen, Belastungen von Arbeitnehmern und Arbeitslosen auf der anderen Seite spalten die Gesellschaft. Deutschland braucht eine Neubestimmung der Politik: Wie kommen wir zu einer nachhaltigen Konsolidierung der öffentlichen Haushalte? Wer zahlt die Kosten und Folgekosten der Finanzmarktkrise? Wie können die Lasten gerecht verteilt werden? Nicht zuletzt: Wie verhindern wir kopflose Ausgabenkürzungen und einen neuen Konjunktureinbruch?
Die schwarz-gelbe Koalition hat
Anfang dieser Woche ein Papier mit zahlreichen Ankündigungen vorgestellt. Die
Koalitionäre haben sich dabei selbst als besonders mutig gelobt.
Dieses Pfeifen im Walde sollte
immer misstrauisch machen.
Denn nichts von dem, was
angekündigt wurde, ist bisher politisch durchgesetzt. Mit Horst Seehofer fehlte
der dritte Koalitionspartner bei der Pressekonferenz. Zudem bleiben überall
offene Fragen, wie die in Tabellen zusammenaddierten Milliarden-Summen
tatsächlich haushaltswirksam erbracht werden sollen. Das groß aufgeblasene
Sparpaket kann in der kalten Luft der politischen Realität schnell als Soufflé
enden, das jämmerlich in sich zusammenfällt.
Was Merkel und Westerwelle nach
wochenlangem Streit produziert haben, wird den immensen Belastungen der
Finanzmarkt- und Schuldenkrise nicht gerecht. Schwarz-Gelb zeigt kein
Krisenbewusstsein und leitet keinen gesellschaftlichen Neuanfang ein.
Merkel hat keine Kraft und
keinen Mut zur Korrektur.
Wirkliches Umsteuern hätte
bedeutet, als erstes Klientelgeschenke und Steuerprivilegien im Umfang von 5,6
Mrd. Euro zurückzunehmen. Davon kein Wort. Da mutet es zynisch an, wenn das
Papier behauptet, es werde in dieser Legislaturperiode keine neuen Subventionen
geben.
Nachdem Erben und Hotelketten
bedient wurden, müssen jetzt Arbeitslose und Familien schwere Einschnitte
hinnehmen.
Die Vorschläge sind schwammig
und vage gerade dort, wo wirtschaftlich Starke und Gewinner der Krise
herangezogen werden sollen. Beispiel „Beteiligung“ der Banken: Die konkret
genannte Bankenabgabe ist eine Sonderabgabe für einen Branchenfonds, die nichts
zur Konsolidierung des Haushalts beiträgt. Die darüber hinaus versprochenen
„weiteren Maßnahmen“ bleiben unbestimmt, und es ist schleierhaft, woher die
angekündigten 2 Mrd. Euro Mehreinnahmen ab 2012 kommen sollen.
Eine klassische Luftbuchung.
Wo und wie mehr Energiesteuern
eingenommen werden sollen, welche Industrien belastet und welche verschont
werden, was es bringen soll, der Bahn jährlich 500 Mio. Euro zu entziehen,
bleibt ein schwarz-gelbes Geheimnis.
Die Koalition ist zaghaft und
zögernd bei der Finanzbranche, aber rücksichtslos behandelt sie
Hartz-IV-Empfänger.
Schwarz-Gelb ist schwach bei
den Starken und stark nur gegen die Schwachen. Das ist menschlich armselig und
politisch verheerend.
Kapital wird geschont, Arbeit
und Arbeitnehmer werden belastet.
Arbeitslose und Familien sind
die wahren Verlierer.
Sie sollen jetzt die Zeche der
Krise zahlen. Für sie gilt kein „mehr Netto vom Brutto“. Sie bekommen diese
schwarz-gelbe Nettolüge als erstes zu spüren. Angela Merkel verschärft die
Ungerechtigkeit der Lastenverteilung und spitzt die Vertrauenskrise in die
Demokratie zu, wenn sie den Arbeitslosen die Rentenversicherung, das Elterngeld
und den Heizkostenzuschuss streicht.
Sie handelt kurzsichtig, wenn
sie 1,8 Mrd. Euro auf Kosten der Gesetzlichen Rentenversicherung streicht.
Sie agiert konzeptlos, wenn sie
der Arbeitsmarktpolitik in den kommenden Jahren 16 Mrd. Euro entzieht. Auf
diese Weise wird den Menschen, die Arbeit suchen, die Zukunft verbaut. Es droht
der Zusammenbruch von Aktivierung und Förderung, die zu großen Erfolgen auf dem
Arbeitsmarkt geführt haben.
Angesichts dieser beschämenden
Orientierungslosigkeit und Ungerechtigkeit kämpft die SPD für eine neue soziale
Ordnung.
Wir wollen einen neuen
Lastenausgleich, der Schluss macht mit Günstlingswirtschaft und Privilegien für
die oberen Zehntausend.
Ein sozialer Ausgleich, der
auch Spitzenverdiener und Vermögende steuerlich angemessen an der Bewältigung
der Krise beteiligt. Ein Pakt des Zusammenhalts, der vor allem das Kapital als
Verursacher der Krise nicht aus der Verantwortung für die Zukunft der
Gesellschaft entlässt.
Am 10. Juni trifft sich Angela
Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder zum so genannten Bildungsgipfel –
es ist nun schon der dritte.
Priorität für Bildung ist der
Testfall auf unsere Zukunftsfähigkeit.
Mehr Mittel für Bildung und
Forschung, konkrete Ziele und zupackende Maßnahmen für ein besseres,
leistungsfähigeres und gerechteres Bildungssystem sind notwendig.
Zehn Prozent des
Bruttoinlandsprodukts für Bildung und Forschung bis 2015: Das darf nicht
infrage gestellt und auch zeitlich nicht verschoben werden.
Die Länder tragen die Hauptverantwortung
und den Löwenanteil der Bildungsausgaben. Wir unterstützen sie bei der
Forderung, einen dauerhaft höheren Anteil an der Umsatzsteuer zu erhalten, um
bessere Bildung verlässlich finanzieren zu können. Der Bund aber muss die
richtigen Haushaltsentscheidungen treffen, damit der Lastenausgleich
funktioniert. Dazu gehört, Klientelgeschenke für Erben, gewinnverlagernde
Unternehmen und Hotels zurückzunehmen und auch die staatlichen Einnahmen durch
einen „Bildungssoli“ der Bessergestellten zu verbessern.
Wir haben in den vergangenen
Wochen eine bis ins Mark geschwächte Koalition erlebt. Das System Merkel trägt
dafür die Verantwortung.
Versagen in der Eurokrise;
Nettolüge bei Steuerentlastungen, die nicht kommen; Unsicherheit über die
Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken; Gesundheitsminister Rösler mit der
großtuerisch angekündigten Kopfpauschale mehrfach vor die Wand gelaufen;
Verteidigungsminister Guttenberg mit dem undiskutierten und unabgestimmten
Vorschlag einer fundamentalen Wehrreform erst schneidig vorgeprescht und dann
schon in der eigenen Partei kläglich gescheitert; zu allem Überfluss ein
erbärmlicher Koalitionsstreit, in dem sich Politiker von FDP und Union
gegenseitig als „Wildsau“ und „Gurkentruppe“ beschimpfen –
Deutschland fehlt eine Regierung,
die diesen Namen verdient.
Deshalb müssen und werden wir
die politische Alternative jeden Tag erneut deutlich machen.
Euer
Holger Ortel