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An die Mitglieder der SPD in den
Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Oldenburg Landund Cloppenburg/Vechta |
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Berlin, 15. Juni 2010 |
Zur Lage
Liebe Genossinnen und Genossen,
Deutschland steckt in einer
Regierungskrise, die nun schon acht
Monate andauert und zur Staats- und Demokratiekrise zu werden droht.
Mittlerweile ist selbst dem geduldigsten Beobachter der Kragen geplatzt.
Dauerzank auf unterstem Niveau und Chaos in Permanenz haben zum verheerenden
öffentlichen Urteil geführt: Die Regierung Merkel und Westerwelle, die sich als
Traumpaar in Szene gesetzt hat, ist zum Alptraum geworden. Die Mehrheit der
Deutschen glaubt nicht mehr an den Bestand dieser Koalition, und das Fazit in
den Medien heißt: „Aufhören!“
Die Regierung ist gescheitert.
Aber die Koalition klammert sich in ihrer Schwäche und Hoffnungslosigkeit
weiter aneinander. Nur die Angst vor dem Machtverlust hält sie noch zusammen.
Schuld an dem Debakel sind nicht nur Koalitionäre wie CSU und FDP, die sich mit
allen Methoden der Intrige bekämpfen. Im Zentrum steht das System Merkel – ein
System, das Misstrauen und Kleinmut hervorbringt, ein System, in dem sich
niemand auf den anderen verlassen kann und in dem bald keiner mehr auf das Wort
der Kanzlerin vertraut. Schon in der Großen Koalition wich sie aus und vermied
es, mit eindeutigen Weichenstellungen verbunden zu werden. Sie gab Zusagen und
brach ihr Wort, wenn es opportun erschien – so beim ersten Anlauf zur
Absicherung der Job-Center. Dieses System ist durch Ideenlosigkeit,
Entscheidungsunfähigkeit und Verantwortungslosigkeit bestimmt. Die
Kanzlerschaft Merkels kennt kein Ziel außer dem Selbsterhalt. Sie kann für
unser Land nichts Gutes bewirken.
Schwarz-Gelb ist in den
vergangenen Monaten beinah jeden Tag neu gescheitert. Gescheitert an sich
selbst und gescheitert an der Realität. Die Regierung hat nicht ein einziges
Gesetz von Gewicht und Belang zustande gebracht. Sie hat die Menschen zu
täuschen versucht und in Serie Projekte angekündigt, die sie bald vor die Wand
gefahren hat. Mehrfach wurden Minister beschädigt und mehrfach lagen Rücktritte
in der Luft:
- Von der großspurig
verkündeten Steuerreform mit angeblichen Entlastungen für die
Mittelschicht und für kleine Einkommen ist nichts übrig geblieben. Die
FDP-Minister sind bis auf die Knochen blamiert. Vizekanzler Guido Westerwelle,
der keinen Koalitionsvertrag ohne massive Steuersenkungen unterschreiben
wollte, steht mit leeren Händen da. Er hat nicht ein einziges seiner
politischen Ziele erreicht. Die jetzt angekündigten Einschnitte bei
Arbeitslosen und Familien führen im Gegenteil dazu, dass viele Menschen noch
weniger Geld übrig haben. Als letzte Verteidigungslinie hat Westerwelle die
Parole ausgegeben, dass es zu keinen Steuererhöhungen kommen darf. Doch auch
diese Diskussion läuft weiter, weil nicht einzusehen ist, warum einer
alleinerziehenden Mutter ohne Arbeit 300 Euro Elterngeld gestrichen wird, die
oberen Einkommen aber unberührt davon kommen.
Es geht hier um fundamentale
Fragen der Gerechtigkeit und des sozialen Ausgleichs. Das DIW diagnostiziert in
einer aktuellen Untersuchung die „Polarisierung der Einkommen“: „Die
Einkommensgegensätze zwischen ärmeren und reicheren Haushalten nehmen in
Deutschland zu. (…) Dieser Gegensatz wird von den Menschen nicht nur als
besonders ungerecht empfunden, sondern er schürt auch die Verunsicherung der
Mittelschicht.“ Diesen gesellschaftlichen Zukunftsfragen kann eine liberale
Partei, die sich als Anwalt der Mitte versteht, nicht mehr ausweichen.
- Mit der Kopfpauschale im
Gesundheitssystem ist Gesundheitsminister Rösler auch im dritten Anlauf
innerhalb der Koalition gescheitert. Angetreten mit der vollmundigen Ansage,
sein Ministeramt mit diesem Projekt zu verknüpfen, berief er sich nach dessen
Platzen auf die Tugenden eines im Wind schwankenden Schilfrohrs. Der Rücktritt
blieb bislang aus. Am Freitag dieser Woche beginnen nun neue Verhandlungen der
Gesundheitspolitiker von Schwarz-Gelb. Die FDP bezeichnet dies als „Testfall“
für den Fortbestand der Koalition und sagt den Medien, sie sei in
Alarmstimmung. Medienberichten zufolge soll die Deckelung des Zusatzbeitrages
wegfallen. Das hieße: Steigende Abgaben für Millionen gesetzlich Versicherte.
Eine Kopfpauschale ohne jeden Sozialausgleich.
- Die Verlängerung der
Laufzeiten von Atomkraftwerken sollte auf Drängen der Atomlobby
beschleunigt werden. Doch Umweltminister Röttgen und Wirtschaftsminister
Brüderle liegen über Kreuz und finden keine Linie. Das Kanzleramt steuert nicht
und Merkel duckt sich weg. Unklar bleibt, wann und unter welchen Bedingungen
die angekündigte neue Steuer für AKW-Betreiber kommt. Hinzu tritt die
Unsicherheit, ob die Laufzeitverlängerung im Bundesrat durchzusetzen ist.
Führende Vertreter der Koalitionsparteien spekulieren auf die Umgehung der
Länderkammer und wollen einen Verfassungsbruch in Kauf nehmen.
- Bei der Abschaffung der
Wehrpflicht, die Verteidigungsminister Guttenberg vor der Haushaltsklausur
der Bundesregierung überfallartig ins Gespräch brachte, hat Merkel einen
weiteren Minister in den Nebel laufen lassen. Zuerst sagte sie, so gehe es
nicht. Dann bezeichnete sie sich als Anhängerin der Wehrpflicht. Zuletzt hieß
es von ihr, Denkverbote gebe es ja nicht. Die heftigste Blockade aber kam von
der eigenen Fraktion. Guttenberg reagierte beleidigt, drohte mit Rücktritt und
führte sich laut Parteifreunden wie ein „Rumpelstilzchen“ auf. Tatsache ist:
Die planlose Verkürzung des Wehrdienstes ist gerade im Gesetzgebungsverfahren,
da wirft Guttenberg schon den nächsten Knallfrosch mit Medienecho. Guttenberg
ist ein Show-Minister. Er tut nur so als ob er etwas erreichen will. Er schielt
auf die Schlagzeile. Die Experten sind entsetzt. Die Soldaten und
Zivildienstleistungen werden permanent verunsichert.
- Die größte Niederlage Merkels
ist der am vergangenen Donnerstag zum dritten Mal gescheiterte Bildungsgipfel
von Bund und Ländern. Die aufwändig inszenierte „Bildungsrepublik“ erweist
sich als Pappkulisse für Imagezwecke. Bei der Ministerpräsidentenkonferenz ging
es gar nicht um Konflikte zwischen SPD- und unionsgeführten Ländern. Die Länder
haben die Bundesregierung einhellig aufgefordert, die Steuereinnahmen der
Länder nicht zu schmälern und sie bei der Bildungsfinanzierung durch
zusätzliche Umsatzsteueranteile zu unterstützen. Die Kanzlerin war nicht
vorbereitet und lehnte ab. Ergebnis: 16 zu 0 gegen Merkel.
Schwarz-Gelb mag sich in den
kommenden Wochen hinter der Fußballbegeisterung verstecken. Der Auftakt der
Deutschen Mannschaft bei der WM in Südafrika zeigt im Kontrast aber umso
klarer, wie strategische Klarheit, Teamgeist und offensives Spiel zum Erfolg
führt.
Euer
Holger Ortel