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An die Mitglieder
der SPDund Cloppenburg/Vechta in den Wahlkreisen
Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburg |
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Berlin,
20. September 2011 |
I. Zur Lage
Liebe
Genossinnen und Genossen,
die
SPD hat die Wahlen in Berlin gewonnen. Klaus Wowereit bleibt Regierender
Bürgermeister. CDU und FDP haben nun bei der achten Landtagswahl in Folge keine
Mehrheit mehr. Schwarz-Gelb ist gescheitert, in den Ländern ebenso wie im Bund.
Die FDP ist in Berlin mit 1,8 Prozent zur Splitterpartei
zertrümmert worden. Mit dem Spruch „Berlin-Wahl ist Euro-Abstimmung“ hatte sie gegen
Merkel und Schäuble polemisiert. FDP-Chef Philipp Rösler hatte nur ein
verzweifeltes Ziel: mehr als fünf Prozent. Dieses Spiel mit antieuropäischem
Populismus führt die Partei eines Hans-Dietrich Genscher an den Rand der
Selbstzerstörung. Für die FDP geht es nun um ihre Existenz. Für Deutschland
aber geht es um Handlungsfähigkeit. Eine monatelange FDP-Mitgliederbefragung,
die die Partei auf Fundamentalopposition in der Eurorettung festlegen will,
blockiert ausgerechnet das wirtschaftlich stärkste und größte Land in Europa,
auf das alle schauen und von dem alles abhängt.
Merkel
laviert ohne Kraft und Kompass. Die CSU macht Stimmung gegen die eigene
Schwesterpartei. Müde, ratlos, planlos – das ist der Zustand des Kabinetts.
Inmitten der europäischen Krise hat Deutschland keine Regierung mehr, die
diesen Namen verdient. Merkel ist ohne verlässliche parlamentarische Mehrheit,
die FDP droht offen mit dem Bruch, die Koalition ist am Ende.
Die
Sozialdemokratie wird in dieser Lage in keine Koalition unter einer
gescheiterten Merkel eintreten. Aber wir sind bereit, die drohende Lähmung
Europas abzuwenden und den unaufschiebbaren, dringend erforderlichen
europäischen Weichenstellungen zu einer Mehrheit im Deutschen Bundestag zu
verhelfen. Neue Koalitionen kann es dann nur durch Neuwahlen geben.
Kein
anwendbares Wahlrecht
Niemand
kann sagen, wie lange die Regierung Merkel noch hält. Doch Deutschland steht
ohne verfassungsmäßiges Wahlrecht da. Würden jetzt Neuwahlen zum Bundestag
erforderlich, wir hätten kein anwendbares Wahlrecht – ein weiteres schweres und
unentschuldbares Versäumnis von Schwarz-Gelb, eine weitere Missachtung des
Rechts.
Denn
die Frist des Bundesverfassungsgerichts zur Wahlrechtsreform ist seit Ende Juni
2011 abgelaufen. Die Koalition hat aber bis heute kein Gesetz zur Abstimmung im
Bundestag gestellt. Der Entwurf von Union und FDP sorgt noch immer für heftigen
Streit der Koalitionäre. Vor allem ist er vollkommen ungenügend: Er beseitigt nicht
das Problem der Überhangmandate. Noch 2005 erklärte Volker Kauder:
„Überhangmandate sind rechtlich bedenklich und aus demokratischer Sicht nicht
wünschenswert.“ Heute kalkuliert die Union, von diesen Mandaten profitieren zu
können. Sie stellt die Macht vor das Recht.
Die
Zeit drängt. Die Verschleppung der Entscheidung ist nicht hinnehmbar. Die SPD
hat rechtzeitig einen eigenen Reformentwurf vorgelegt. Wir wollen die
Gleichheit des Stimmgewichts im Wahlrecht wieder herstellen und für
Überhangmandate Ausgleichsmandate gewähren. Wir haben die Koalition mit
Nachdruck aufgefordert, unverzüglich den Weg für eine Entscheidung frei zu
machen und in der kommenden Sitzungswoche die 2. und 3. Lesung der
Wahlrechtsreform anzusetzen. Dieser Forderung ist sie gefolgt.
Europas
Krise bleibt ungelöst – EFSF nur ein erster Schritt
In
den vergangenen Wochen und Tagen wurde ohne Unterlass sowohl innerhalb der
Bundesregierung als auch in der EU über den Kurs in der Eurokrise gestritten.
Das führt zu einer dramatischen Destabilisierung des Euroraums und zum Verlust
von Vertrauen bei den Bürgern. Für uns ist klar: Die Stabilisierung der
Krisenländer ist im ureigenen Interesse Deutschlands. Zuerst müssen sie selbst
ihre Hausaufgaben machen. Die Zeit von Ausreden ist vorbei. Die
unverantwortliche Verschuldung muss aufhören. Reformen sind unausweichlich.
Wenn sich aber diese Länder auf den Weg machen, dann haben sie die europäische
Unterstützung verdient.
In
der kommenden Woche werden wir über die Erhöhung der Garantien für den temporären
Euro-Rettungsschirm EFSF auf 780 Mrd. Euro entscheiden – damit die gesamte
Summe von 440 Mrd. Euro zu besten Kreditkonditionen (AAA-Rating) refinanziert
werden kann. Der Garantieanteil Deutschlands steigt damit auf 211 Mrd. Euro.
Außerdem geht es um die neuen Befugnisse des Schirms, welche die Staats- und
Regierungschefs der EU am 21. Juli vereinbart haben. Der Fonds soll künftig
Staatsanleihen von Krisenstaaten kaufen und Darlehen zur Rekapitalisierung von
Banken vergeben können.
Wieder einmal geht es um Maßnahmen, die von der
Bundesregierung lange Zeit vehement abgelehnt wurden, bis sie dann unter dem
Druck der Probleme auf europäischer Ebene vereinbart werden mussten. Wieder
einmal offenbaren sich die Kanzlerin und ihre desolate Koalition als Getriebene.
Mit
der Öffnung des Rettungsschirms für direkte Anleihekäufe korrigiert die
Bundesregierung ihre fahrlässige Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass die EZB
seit dem letzten Jahr immer wieder als Nothelfer einspringen, Anleihen von
Krisenstaaten aufkaufen musste und damit zur „Bad Bank“ gemacht wurde. Die EZB
musste handeln, weil die Regierung Merkel Handeln verweigert hat. Dadurch hat
Schwarz-Gelb die Unabhängigkeit, Reputation und Glaubwürdigkeit der EZB schwer
beschädigt. Dieser Schaden soll jetzt durch die neuen Befugnisse des EFSF
eingedämmt werden.
Mit
der Öffnung des Schirms für Darlehen zur Rekapitalisierung von Banken liefert
die Bundesregierung darüber hinaus ein weiteres Eingeständnis: Die Krise ist
keineswegs nur eine Krise überbordender Staatsverschuldung in Griechenland und
anderswo, wie es Schwarz-Gelb nicht müde wird zu behaupten. Wir haben es
vielmehr nach wie vor mit einer massiven Krise des Finanzsektors zu tun. Die
Koalition stellt sich seit zwei Jahren blind für dieses Problem und hat keine
wirksamen Schritte getan, um den nervösen Krisenherd der Finanzmärkte durch
Regulierung, Aufsicht und Besteuerung zu beruhigen.
Die
Ertüchtigung des EFSF ist ein richtiger Schritt, der jedoch nicht ausreicht.
Die Ausweitung der Befugnisse der EFSF ist erforderlich, um die EZB aus ihrer
Zwangslage als Nothelfer zu befreien. Sie ist erforderlich, um die immer
dringender werdende Umschuldung Griechenlands abzusichern und
Ansteckungsgefahren einzudämmen.
Wir sagen allerdings, dass dies nur ein erster Schritt sein
kann. Zur Sanierung der europäischen Staatsfinanzen brauchen wir Impulse, die
Wachstum schaffen und die industrielle Modernisierung in Gang setzen. Nur
daraus entsteht die dringend nötige Hoffnung in den Krisenländern, dass Europa
kein Abrissunternehmen, sondern eine Aufbaugemeinschaft ist. Die Mittel für ein
solches Europäisches Modernisierungs- und Wachstumsprogramm können nicht die
Arbeitnehmer über ihre Einkommensteuer aufbringen. Sie müssen von den
Finanzmärkten über eine Finanztransaktionssteuer kommen.
Zur
gerechten Konsolidierung der Staatsfinanzen gehören schließlich auch
Fortschritte bei der Harmonisierung der Steuerpolitik. Dass einige Länder auf
Kosten anderer Steuerdumping zur Strategie erklären, muss aufhören. Eine
Angleichung der Unternehmensbesteuerung in Europa ist überfällig. Außerdem
brauchen wir eine harte gemeinsame Linie bei der Bekämpfung von Steuerbetrug
und Steuerhinterziehung.
Deshalb
ist auch das Steuerabkommen, das die Bundesregierung mit der Schweiz ausgehandelt
hat, vollkommen unzureichend. Beihilfe zur Steuerhinterziehung ist nicht zu
tolerieren. Es kann nicht sein, dass die Steuerbetrüger anonym bleiben und dass
wir uns vertraglich verpflichten, Hinweisen der Strafverfolgung nicht
nachzugehen. Schäuble wird nachverhandeln müssen. Denn für dieses Abkommen gibt
es keine Mehrheit im Bundesrat.
Euer
Holger Ortel