An die

Mitglieder der SPD

in den Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Oldenburg Land und Cloppenburg/Vechta

Berlin, 15. März 2010

 

Politischer Bericht vom 15. März 2010

I. Zur Lage

Liebe Genossinnen und Genossen,

vor sieben Jahren haben wir eines der umfassendsten Reformkonzepte für den

Arbeitsmarkt in der bundesdeutschen Geschichte begonnen. Jetzt gilt es, die

Resultate zu prüfen und neu anzusetzen: Unser Ziel ist Fairness auf dem

Arbeitsmarkt. Das zentrale Verdienst sozialdemokratischer

Arbeitsmarktreformen ist es, die schleichende Gewöhnung an

Massenarbeitslosigkeit beendet und den Kampf um Vollbeschäftigung neu

aufgenommen zu haben. Wir haben allen Bürgerinnen und Bürgern, die Arbeit

suchen, durch bessere Qualifizierung und Vermittlung neue Chancen auf einen

Arbeitsplatz ermöglicht. Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und

Sozialhilfe, die Betreuung aus einer Hand und die Einbeziehung von

Sozialhilfeempfängern in die Arbeitsförderung bleiben von überragender

Bedeutung. Auch dass wir die weit verbreitete Praxis der Frühverrentung

begrenzt haben, ist eine richtige Weichenstellung zugunsten höherer

Erwerbsbeteiligung bei steigender Lebenserwartung. Unser Ziel bleibt

Vollbeschäftigung. Deshalb müssen wir jetzt weiterdenken und unsere

Konzepte weiterentwickeln. Denn die Verhältnisse der Arbeitswelt sind oft

unfair geworden. Der ökonomische Strukturwandel schreitet voran. Dabei

besteht die Gefahr, dass wir in Deutschland zugleich einen Mangel an

qualifizierten Arbeitskräften und eine fortgesetzt hohe Zahl von Arbeitslosen

haben, die nicht ausreichend qualifiziert sind. Unsere Anstrengungen bei

Bildung, Berufsqualifizierung und Weiterbildung müssen dramatisch gesteigert

werden. Ebenso brauchen wir eine neue Vermittlungsoffensive mit einem

besseren Verhältnis von Arbeitsvermittlern zu Arbeitsuchenden.

Arbeitsleistung muss sich wieder lohnen. Doch Armutslöhne und unsichere

Beschäftigung haben sich ausgebreitet. Das gefährdet die

Leistungsgerechtigkeit in unserer Gesellschaft. Zeitarbeit wird missbraucht, um

Tarifstrukturen zu umgehen und Löhne zu drücken. Auf dem Arbeitsmarkt

muss wieder Ordnung geschaffen werden, durch Mindestlöhne, durch die

Stärkung der Tarifverträge und der Mitbestimmung, nicht zuletzt durch die

Begrenzung der Leih- und Zeitarbeit auf ihren eigentlichen Zweck zur

Abdeckung von Auftragsspitzen. Wir wollen das unbefristete Arbeitsverhältnis

stärken.

Die Förderung von eigenen Anstrengungen, zum Beispiel bei der

Qualifizierung, und die Anerkennung von Leistungen müssen auch beim

Arbeitslosengeld berücksichtigt werden. Wir wollen den Anspruch auf den

Bezug von Arbeitslosengeld I in Verbindung mit berufsqualifizierenden

Maßnahmen um bis zu zwölf Monate verlängern. Wer außerdem nach langen

Jahren der Berufstätigkeit seine Existenz durch angespartes Vermögen

abgesichert hat, soll nicht befürchten müssen, es bei längerer Arbeitslosigkeit

schlagartig wieder zu verlieren. Wir wollen dieses Vermögen auf sozial

angemessene Weise schützen.

Bei allen politischen Vorstößen, um mehr Menschen den Zugang zu Arbeit zu

ermöglichen, müssen wir auch erkennen, dass ein erheblicher Teil von

Langzeitarbeitslosen kaum Chancen auf einen Arbeitsplatz auf dem ersten

Arbeitsmarkt hat. Statt diesen Bürgerinnen und Bürgern mit einer Kürzung von

Transferleistungen zu drohen, brauchen wir mehr und bessere

Arbeitsangebote auf einem öffentlich geförderten, sozialen Arbeitsmarkt. Wir

wollen hier bis zu 200.000 zusätzliche Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose

bereit stellen. Diese soziale Bürgerarbeit hilft unseren Städten und

Gemeinden, zusätzliche Leistungen zu erbringen und soziale und kulturelle

Angebote zu verbessern. Dabei gelten für uns die Prinzipien: Die Angebote

müssen zusätzliche und gemeinnützige Arbeit umfassen. Es darf keine

Verdrängung regulärer Beschäftigung geben, auch nicht im öffentlichen Dienst.

Während der Beschäftigung sollen die Vermittlungsanstrengungen fortgesetzt

werden mit dem Ziel, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die

Beschäftigungsverhältnisse sollen sozialversicherungspflichtig sein.

Mit unseren Vorschlägen wollen wir in den kommenden Wochen und Monaten

in eine intensive Diskussion mit Gewerkschaften, Unternehmern, mit

Wissenschaft, Verbänden und Bundesagentur für Arbeit einsteigen. Auf dem

SPD-Bundesparteitag im September dieses Jahres wollen wir unsere

Grundsätze der Arbeitsmarktpolitik neu formulieren.

In dieser Woche steht im Deutschen Bundestag der Bundeshaushalt 2010

zum Beschluss. Was die Bundesregierung vorlegt, ist ein Dokument der

Verantwortungslosigkeit und der Verunsicherung. Schwarz-Gelb steuert mit

80,2 Milliarden Euro auf eine Rekordneuverschuldung zu. Noch niemals, seit

es die Bundesrepublik gibt, hatte eine Regierung eine solche Schuldenlast zu

verantworten. Jeder dritte Euro des Haushalts ist auf Pump finanziert. Die

Gesamtverschuldung unseres Landes liegt bei 1.700 Milliarden Euro, mehr als

70 Prozent unserer Jahreswirtschaftsleistung. Der bisherige Schuldenkönig

war Theo Waigel in der Regierung Kohl. Die jetzige schwarz-gelbe Koalition

verdoppelt die damalige Neuverschuldung. Es ist einfach eine Tatsache, dass

Angela Merkel ab dieser Woche den Titel der Schuldenkanzlerin übernimmt.

Schon bei der Haushaltsaufstellung verstieß Schwarz-Gelb gegen das Gebot

der Wahrheit und Klarheit. Die Koalition behauptet, sie habe die

Neuverschuldung gedrückt. Tatsache ist, dass die konjunkturelle Komponente

der Neuverschuldung gegenüber den Ansätzen aus dem letzten Sommer um

12 Milliarden Euro geringer ausfällt. Schwarz-Gelb aber hat die

Neuverschuldung nur um 5,6 Milliarden reduziert. Die Bundesregierung gibt

also eigentlich 6 Milliarden Euro mehr aus als sie konjunkturbedingt müsste.

Nicht die Konsolidierung des Haushalts ist das Ziel, sondern die

Verschwendung der Spielräume zur Finanzierung von Wahlgeschenken an die

eigene Klientel: Steuerprivilegien und Begünstigungen für Hoteliers, für Erben,

für Anwälte und für diejenigen Unternehmen, die Steuern durch

Gewinnverlagerungen ins Ausland umgehen. Schwarz-Gelb ist unglaubwürdig.

Jedes Jahr hat die FDP ihr so genanntes „Liberales Sparbuch“ vorgelegt.

Diese 400 Vorschläge zu sparen haben sich in Luft aufgelöst. In der

Opposition hat Guido Westerwelle Personaleinsparungen gefordert und

sprach von 75 überflüssigen Stellen in den Bundesministerien. Kaum an der

Macht, hat die FDP nicht nur in ihren Ministerien Personal draufgelegt, sie hat

mit CDU und CSU beschlossen, dass 985 neue Stellen geschaffen werden.

„Mehr Bürokratie wagen“, heißt das Projekt. Verkehrsminister Ramsauer

bekommt 132 neue Posten b obwohl er weniger zu tun hat. Denn die Aufgabe

des Aufbau Ost ist an das Innenministerium gegangen. Umweltminister

Röttgen streicht bei der Solarförderung. Aber für den Ausbau der Chefetage

seines Ministeriums gibt er 2 Millionen Euro aus. Das alles ist Vetternwirtschaft

und Verschwendung, mitten in der Wirtschaftskrise, die Millionen von

Menschen Unsicherheit und Einschnitte bringt. Schwarz-Gelb kürzt die

Investitionen, während Deutschlands Wirtschaft Nullwachstum hat und viele

wichtige Unternehmen nur noch den Erhalt, nicht mehr Innovation und

Produktionserweiterung in Deutschland finanzieren. So verspielt Schwarz-Gelb

unsere Chancen. Ein verhängnisvoller Fehler!

Wir fordern die schwarz-gelbe Koalition mit einem Entschließungsantrag unter

anderem nochmals auf:

- Steuersubventionen auf den Prüfstand zu stellen und das unsinnige

Mehrwertsteuerprivileg für Hoteliers, das allein 1 Milliarde Euro kostet,

zurückzunehmen.

- Die auf 20 Milliarden Euro veranschlagte Einführung eines „Stufentarifs“ in

der Einkommenssteuer aufzugeben.

- In der Arbeitsmarktpolitik die Förderung der Menschen, die Arbeit suchen,

nicht zu gefährden. Die gesperrten 900 Millionen Euro für die Eingliederung

von Arbeitslosen sind sofort freizugeben, damit die Job-Center ihre Angebote

jetzt nicht streichen müssen und fortfahren können, Menschen wieder in

Arbeit zu bringen.

- In der Finanzmarktpolitik endlich von Betroffenheitsbekundungen zum

Handeln zu kommen. Im Rahmen der G20 und in der EU muss die

Bundesregierung die Schließung von Off-shore-Finanzzentren und

Steueroasen voranbringen, das international gültige Regelwerk für alle

Finanzakteure einschließlich Hedge-Fonds fordern. Sie muss

Bonuszahlungen wirksam begrenzen und an den nachhaltigen

Unternehmenserfolg binden. Die Bundesregierung muss jetzt endlich die

Sonderabgabe für den Finanzsektor auf den Weg bringen, um

sicherzustellen, dass diejenigen, die die Krise angerichtet haben und von

staatlichen Rettungsmaßnahmen profitieren, auch an den Kosten beteilgt

sind. Sie muss die internationale Finanztransaktionssteuer voranbringen und

notfalls eine Börsenumsatzsteuer in Deutschland einführen. Deutschland

muss ernst machen mit dem Ziel, keinen Finanzmarkt, keinen Finanzakteur

und kein Finanzprodukt ohne Aufsicht zu lassen. In einem ersten Schritt sind

Leerverkäufe generell zu verbieten.

Zu unseren Forderungen in den Haushaltsberatungen gehört vor allem auch

ein Rettungsschirm für die Kommunen. Die Städte und Gemeinden sind in

der schärfsten Finanzkrise seit Bestehen der Bundesrepublik. Sie haben die

desaströse Haushaltspolitik von Schwarz-Gelb auszubaden. Mehr als 2

Milliarden Euro kosten sie allein die bislang beschlossenen Steuerprivilegien

für Klientelgruppen. Auch Kommunalpolitiker der Union wissen es und sagen

es: Die Kommunen stehen vor dem Ruin, die Bundesregierung droht ihnen das

Kreuz zu brechen.

Deshalb hatte die SPD-Bundestagsfraktion zu einer kommunalpolitischen

Konferenz eingeladen. Rund 300 Oberbürgermeister, Bürgermeister,

Kämmerer, Stadtverordnete, aber auch Vorstände und Geschäftsführer

kommunaler Unternehmen sind gekommen. „Starke Kommunen – starke       

Stadtwerke“, das ist unser Ziel. Gemeinsam haben wir uns an die

Kommunalkonferenz der Fraktion vor einem Jahr erinnert. Auch Anfang 2009

war die Stimmung ernst und die Sorge vor den Auswirkungen der Krise groß.

Aber wir hatten auch die Hoffnung, dass gemeinsames Handeln etwas

bewirken kann. Mit unserem kommunalen Investitionsprogramm konnten die

Kommunen mehr als 13 Milliarden Euro für zusätzliche Investitionen einsetzen.

Heute ist die Lage ganz anderes. Wo vor einem Jahr Solidarität,

Entschlossenheit und politische Entscheidungskraft waren, spüren wir jetzt das

Gegeneinander zwischen Bund und Kommunen, die Rücksichtslosigkeit von

Schwarz-Gelb und die Orientierungslosigkeit der Bundesregierung.

Vor einem Jahr haben wir die Sanierung von Schulen, Schwimmbädern und

Sportstätten ermöglicht. Heute kommen aus Nordrhein-Westfalen die

Meldungen, dass Schulen und Schwimmbäder geschlossen, die

Straßenbeleuchtungen am Stadtrand ausgeschaltet und dass Gebühren für

kommunale Leistungen erhöht werden müssen. Und als sei das noch nicht

genug, setzt Schwarz-Gelb in Berlin eine Gemeindefinanzkommission ein, die

sich das Ziel gesetzt hat, die Gewerbesteuer abzuschaffen, die die wichtigste

Einnahmequelle der Kommunen ist. Diese Katastrophe darf nicht

unwidersprochen bleiben. Deshalb fordern wir als Soforthilfe in der Notlage

einen Kommunalschirm von 4 Milliarden Euro gegen die Krise, volle

Kompensation der durch Schwarz-Gelb verursachten Steuerausfälle und 400

Millionen Euro mehr Bundesbeteiligung an den Kosten der Unterkunft für

Langzeitarbeitslose. Wir fordern, dass die Stadtwerke ihre Chance im

Wettbewerb nutzen können und dass die Kommunen durch eigene

wirtschaftliche Betätigung die Finanzierung nichtprofitabler Aufgaben bei

sozialer Integration und Kultur absichern können.

Euer

Holger Ortel