Holger Ortel

MITGLIED DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES

 

An die

Mitglieder der SPD in den Wahlkreisen Delmenhorst/Wesermarsch/Landkreis Oldenburg

und Cloppenburg/Vechta

 

Berlin, 23. Februar 2010

Politischer Bericht vom 23. Februar 2010

 

I. Zur Lage

Liebe Genossinnen und Genossen,

der von Guido Westerwelle losgetretene

Angriff auf den Sozialstaat

Ist zunächst einmal ein Ablenkungsmanöver. Offenbar ist bei FDP-Funktionären

Panik ausgebrochen. In der FDP herrscht Fracksausen, weil

man erst eine Million an Spenden kassiert und dann eine Milliarde an

Steuerprivilegien zurückgereicht hat. Um den Verdacht der Käuflichkeit

abzuschütteln, geht Westerwelle jetzt auf Menschen los, die keine Arbeit

haben. Angela Merkel glaubt, der Außenminister habe sich im Ton vergriffen.

Sie ist aber in dieser Debatte nicht als Anstandsdame gefragt. Sie müsste in

der Sache Farbe bekennen, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Denn

nicht die Krawallinszenierung eines Politraudis ist der Skandal. Entscheidend

ist das Denken hinter den Worten. Die FDP stachelt das Ressentiment von

Schwachen gegen noch Schwächere an. Sie spielt Menschen mit

Armutslöhnen gegen Arbeitslose aus. Und sie tut das sehr bewusst, damit

niemand mehr nach der schamlosen Selbstbedienungsmentalität von

Einkommensmillionären, Spekulanten und Steuerhinterziehern fragt. Die Partei

der Besserverdiener wurde dabei ertappt, wie sie den Staat plündert und

Klientelgeschenke verteilt. Statt Einsicht zu zeigen, steigert sich der

Parteivorsitzende in aggressiven Rechtspopulismus.

 

Was ist dran am Westerwelle-Vorwurf, dass Arbeit sich in Deutschland

nicht mehr lohnt?

Da ist mehr dran, als ihm lieb sein kann. Denn niedrige

Löhne machen es für viele Menschen unmöglich, von ihrer Arbeit zu leben.

Viele arbeiten den ganzen Tag und müssen trotzdem noch Sozialhilfe beantragen.

Das ist der fundamentale Verstoß gegen das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit.

Das zerstört die Glaubwürdigkeit der Sozialen Marktwirtschaft. Das

entwertet die Arbeitsleistung. Das würdigt die Menschen herab, die hart arbeiten.

Aber gerade das interessiert die FDP nicht. Die Partei kennt bei Löhnen

genau wie bei Sozialleistungen offenbar nur eine Richtung: die nach unten.

Wer wie die FDP Mindestlöhne verweigert und stattdessen Sozialhilfe plus

Hinzuverdienst durch Billigjobs propagiert, verschärft das Problem, das er beklagt:

Immer mehr Menschen geraten in die Abhängigkeit von staatlichen

Lohnersatzleistungen. Immer mehr Steuergeld muss aufgebracht werden, um

Dumpinglöhne aufzustocken. Nicht zu vergessen, dass die FDP mit der Einführung

der Kopfpauschale noch 30 Millionen gesetzlich Krankenversicherte,

die den Sozialausgleich beantragen müssen, in eine monströse bürokratische

Bedürftigkeitsprüfung zwingt. Das ist der Marsch in eine Gesellschaft von

Bittstellern und Transfergeldempfängern. Gute Tariflöhne, gesetzliche

Mindestlöhne, bessere Qualifizierung, Sozialabgabenentlastung für Geringverdiener

statt Einkommenssteuergeschenken für Besserverdiener W das stärkt

den Leistungsgedanken und das hilft denen, die Arbeit suchen, genau so wie

denen, die Arbeit haben. Die FDP braucht keinen Kurs in Benimmregeln. Sie

muss zur Fortbildung in Sachen Wirtschaftspolitik.

Auch in der CDU Nordrhein-Westfalens wächst die Nervosität darüber, wie

sehr Schwarz-Gelb den Vorwurf der Klientelpolitik und den Verdacht der

Käuflichkeit politischer Entscheidungen auf sich gezogen hat. Gegen diesen

Eindruck hilft auch nicht, dass

Jürgen Rüttgers Privataudienzen für 20.000 Euro anbietet.

Und dass Unternehmer ganz offen sagen, ein Platz am Tisch

des Ministerpräsidenten habe sie eine fünfstellige Summe an die CDU

gekostet. Bundestagspräsident Lammert fordern wir auf, schnellstmöglich zu

prüfen, ob die CDU mit einer neuen Variante illegaler Spendenpraxis gegen

das Parteiengesetz verstoßen hat. CDU-Generalsekretär und Wahlkampfleiter

Hendrik Wüst ist inzwischen zurückgetreten. Aber nicht der Sekretär, sondern

der Chef muss sich für diese Korruption der Politik verantworten. Über

Rüttgers richten am 9. Mai die Wählerinnen und Wähler.

 

Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen

hat eine entscheidende

Bedeutung für ganz Deutschland. Diese Wahl ist eine Abstimmung darüber, ob

Schwarz-Gelb den finanzpolitischen Blindflug in den Schuldenstaat fortsetzen

kann oder zu Verantwortung und Rechenschaft gezwungen wird. Die Wahl ist

eine Abstimmung darüber, ob Schwarz-Gelb mit einer neuen Welle von

Steuersenkungen auf Pump die Kommunen und ganz besonders die Städte

und Gemeinden an Rhein und Ruhr in den Ruin treibt. Und vor allem ist die

Wahl eine Abstimmung über die Kopfpauschale. Die soziale Spaltung bei der

Gesundheitsversorgung kann aufgehalten werden. In Nordrhein-Westfalen

geht es um die Bundesratsmehrheit von Union und FDP. In NRW können wir

Schwarz-Gelb stoppen.

In dieser Woche entscheidet der Bundestag in namentlicher Abstimmung über

das neue Afghanistan-Mandat. Das neue Mandat enthält zum ersten Mal den

Strategiewechsel hin zu einem Abschluss der Afghanistan-Mission. Die SPD

als Ganzes hat in dieser Frage Meinungsführerschaft bewiesen und die

politische Diskussion nicht nur in Deutschland geprägt. Viele Partner in Europa

haben sich unserem Weg angeschlossen. Es ist der Weg der Verantwortung,

der Weg der Verlässlichkeit gegenüber unseren Bündnispartnern und der Weg

der Solidarität mit den Menschen in Afghanistan. Die Bundesregierung hat den

Anforderungen der SPD an das neue Mandat weitgehend entsprochen: Die

Verstärkung der zivilen Aufbaumittel und der Ausbildung der afghanischen

Sicherheitskräfte, der Beginn des Abzugs deutscher Soldaten ab 2011 und der

 

Abschluss ihres Einsatzes im Einklang mit den Plänen der afghanischen

Regierung zwischen 2013 und 2015 wurden aufgenommen. In den

kommenden 12 Monaten der Mandatslaufzeit prüfen wir, ob die

Bundesregierung ihre Zusagen einhält.

Das betrifft den Umgang mit der so beruhigter Regionen in afghanische Sicherheitsverantwortung und die Vorbereitung der Truppenreduzierung.

Euer

Holger Ortel